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Samstag, 29. Mai 2021

Lebendige Biografien mit Szenen und narrativen Zusammenfassungen gestalten

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

Ein Leben ist lang. In der Regel jedenfalls. Wer sein ganzes Leben beschreiben möchte, so wie das bei meiner Autobiografie der Fall ist, kommt ohne narrative Zusammenfassungen nicht aus. Die machen sich allerdings auch in kürzeren Werken gut. Was nicht unwichtig ist, aber so spannend nun auch wieder nicht, wird kurzerhand erzählt, ohne Dialoge oder mit nur kurzen Einsprengseln davon. Dasselbe gilt für das, was der Leserschaft zusammenfassend im Überblick gezeigt werden soll. Die spannenden Begebenheiten dagegen werden in gern dialogreiche Szenen gepackt. So können Leser und Leserinnen hautnah dabei und das Geschehen aus vollen Zügen genießen, um sich en passant ihren eigenen Gefühlen hinzugeben. 

Narrative, also erzählende Zusammenfassungen sind prächtig geeignet, wenn dem Buch etwas mehr Tempo guttun oder wenn es sonst einfach zu lang würde. Sie müssen keinesfalls trocken klingen. Es kann ein kluger Schachzug sein, ein paar Dialogfetzen hineinzupacken, um sie lebendig zu machen. Ich gebe euch ein Beispiel:

Da ich ja in diesem Blog nur Auszüge meiner Bio-Tri-Logie poste, gebrauche ich nun eine narrative Zusammenfassung, um euch schnell ins Bild zu setzen: Hannah hatte die Realschulzeit nach zwei Kurzschuljahren bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren hinter sich gebracht.  Sie wäre schrecklich gern weiter zur Schule gegangen. Doch wie schon nach dem vierten Schuljahr, so sagte ihre Mutter auch jetzt: "Nein, Hannah. Schlag dir das aus dem Kopf. Die Mittlere Reife reicht." Zu allem Überfluss bekam Mutti auch noch Rückendeckung von Herrn Schäfer, Hannahs Klassenlehrer, der allen Ernstes behauptete, Hannah sei einfach zu häufig erkältet. Daher sei die Belastung des Aufbaugymnasiums zu viel für sie. Hannah war tief enttäuscht. Doch weil sie zwar wusste, was sie nicht wollte, aber nicht so recht wusste, was sie wollte, fügte sie sich Muttis klaren Vorstellungen: "Werd Sekretärin. Damit bin ich immer gut gefahren." 

                     Der gerade Weg muss nicht unbedingt der beste sein. Und so muss auch Hannah Umwege gehn ...
 

Der Weg dorthin schien kurz zu sein. Um Sekretärin zu werden, brauchte man keine dreijährige Ausbildung - eine Anlernzeit als Bürogehilfin genügte. Steno und Maschinenschreiben hatte Hannah auf Muttis Geheiß schon mit dreizehn Jahren im örtlichen Stenografenverein gelernt. Ohne besondere Mühe war sie schneller gewesen als die meisten anderen und die Einheitskurzschrift, die bald schon von der noch schnelleren Eilschrift abgelöst wurde, faszinierte sie. Da Lehrlinge selbst ohne diese Fertigkeiten überall händeringend gesucht wurden, war die Auswahl an Ausbildungsbetrieben für Hannah entsprechend groß. Die Wahl fiel schwer. Beim Ruhrverband und Ruhrtalsperrenverein war das Lehrgeld vergleichsweise gut. "Geh doch dahin", schlug Mutti vor, "das ist eine seriöse Einrichtung. Und wenn du gut bist, kannst du die Prüfung zur Bürogehilfin schon nach eineinhalb Jahren machen und nicht erst nach zweien." Bürogehilfin. Wie das schon klang. Wieder einmal sollte etwas reichen für sie als Mädchen. Sie fühlte sich beschämt. Anlernling und Gehilfin, das klang geradezu ehrenrührig, fast nach Hilfsschülerin. Aber es half alles nichts. Ihre Mutter hatte bereits den Vertrag unterschrieben. Hannah dachte nach. Also, wenn ich schon Sekretärin werden soll, dann wenigstens Chefsekretärin. Und so nahm sie sich vor, so schnell wie möglich in einem todschicken Vorzimmer in der Vorstandsetage zu sitzen und für einen gutaussehenden Chef zu arbeiten, der vorzugsweise jung und noch unverheiratet war.

Ende der narrativen Zusammenfassung. Und - seid ihr im Bilde? Prima. Dann kann es ja weitergehen mit Hannahs Geschichte:



Hinter düsteren Mauern 

Am 1. August 1970 begann Hannah, alles andere als glamourös, hinter dicken, düsteren Backsteinmauern ihre Ausbildung. Das schicke Vorzimmerbüro ihrer beruflichen Zukunft vor Augen, war sie wild entschlossen, sie schnellstmöglich hinter sich zu bringen. Schon am ersten Ausbildungstag aber stand für sie fest: Es würde schrecklich werden. Die stillen, dunklen Gänge des Verwaltungsgebäudes mit den unzähligen Türen schüchterten sie ein. Der nüchterne Büroraum mit den hohen Wänden im Erdgeschoss, in dem ihr ein Schreibtisch zugewiesen wurde, deprimierte sie. Er war leer bis auf eine grüne Gummiunterlage, ein Karussell mit Stempeln und ein Telefon. Aber nein, da war noch etwas:
„Schauen Sie mal, dieser Plan zeigt Ihnen auf einen Blick, was noch auf Sie zukommt, Fräulein Braun“, sagte Frau Conrad. Sie war die Frau am Schreibtisch gegenüber, Hannahs Ausbilderin. Fröhlich posaunte sie: „Sie dürfen sogar zweimal zu uns in die Buchhaltung.“
Auch das noch – Hannah hasste Zahlen! Sie las und verharrte dann einen Moment bewegungslos, betrübt auf den Plan starrend. Es war niederschmetternd: Nach drei Monaten in der Buchhaltung würden weitere Abteilungen folgen, die sie inhaltlich nicht die Bohne interessierten und die weitgehend mit Zahlen zu tun hatten. Wie soll ich das nur aushalten? Es war ja jetzt schon tödlich langweilig! Die Bürouhr tickte so laut, als wolle sie Hannah deutlich machen, wie qualvoll langsam hier Sekunden und Minuten vergehen würden, von Tagen ganz zu schweigen.„Was soll ich denn jetzt tun?“, fragte sie.
Frau Conrad, die mit ihren geschätzt fünfunddreißig Jahren uralt war, schwieg, während sie einer geblümten Porzellandose eine anständige Portion Zucker und Zimt entnahm. Damit krönte sie die Sauermilch, die sie soeben in ein großes Glas geschüttet hatte. Sie atmete tief ein, nahm einen großen Schluck und begann dann, mit einer billigen Metallfeile ausgiebig ihre Fingernägel zu feilen.
„Wollen Sie auch mal?", fragte sie. "Ich leih sie Ihnen.“ 

Hannah glaubte, nicht recht gehört zu haben. Gehörte das etwa zur Ausbildung? Und außerdem: Bei ihr daheim wurden Fingernägel geschnitten, nie gefeilt. Doch mit einer gewissen Neugier und weil sie unbedingt etwas zu tun haben wollte, nahm sie die halbstumpfe Feile entgegen, bewegte sie wie wild über ihren Nägelrändern hin und her, feilte zu tief und hatte bald schon eine blutige Stelle am Ansatz eines Nagels. Sie hätte heulen können. Es war aber auch einfach alles, alles blöd hier! Es gab offenbar nichts zu tun. Es gab keine spürbare seelische Verbindung zwischen ihrer Ausbilderin und ihr, kein gegenseitiges Interesse. Hannah fühlte sich absolut fehl am Platze an diesem Schreibtisch. Doch sie würde tun müssen, was die Frau ihr sagte, und es irgendwie aushalten. Aber sah so etwa das Leben aus?


„Kommen Sie mal mit“, sagte Frau Conrad, leerte den Rest aus ihrem Milchglas in einem Zug, wischte sich den Mund ab und stand auf. Dann führte sie Hannah über den düsteren Flur, in dem es nach Bohnerwachs roch, in einen nicht weit entfernten, deutlich größeren, von Neonlampen erhellten Raum. Mehrere Schreib- und Additionsmaschinen ratterten. Die Luft war stickig. Die Gesichter der Menschen grau. „Das ist Fräulein Braun, der neue Anlernling“, sagte Frau Conrad. Die Menschen an den Maschinen guckten nur kurz auf und dann zurück auf ihre Tastaturen. Frau Conrad drückte Hannah eine Liste mit Zahlenkolonnen in die Hand.
„Addieren Sie das mal zusammen. Und dann rechnen Sie nach. Ich komm dann.“ Weg war sie.
Hannah spürte die Blicke der Erwachsenen auf sich ruhen und tippte emsig. Wenn sie schon da war, konnte sie auch fleißig sein. Die Maschine spuckte einen endlos langen Papierstreifen aus. Sie riss ihn heraus, tippte neu und verglich. Mehrfach. Doch jedes Mal kam eine andere Summe heraus. „Mist!“, flüsterte sie. Es war vertrackt. Wenn eine Aufgabe sie anödete, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Ihre Gedanken waren überall, nur nicht bei diesen verdammten Zahlen.
„Sind Sie noch immer nicht fertig? , fragte ein Mann mit Halbglatze im dunkelgrauen Anzug, der in diesem Büro offenbar etwas zu sagen hatte. „
So geht das aber nicht, Fräulein Braun. So eine Addition ist doch nun wirklich ein Klacks."
„Zahlen liegen mir aber einfach nicht“, jammerte sie. Hannah liebte Buchstaben. Und Worte. Und Geschichten. Auch Bilder. Warum war sie nur zu feige gewesen, um sich anderswo zu bewerben, in einer Werbeagentur zum Beispiel. Kreativ zu sein, tolle Texte und Illustrationen zu entwerfen, das wäre fast so gut gewesen wie ein Studium. Doch sie hatte es ja nicht einmal versucht. Es war doch klar gewesen, dass in solch einer Agentur nur moderne, mutige, junge Leute arbeiteten, schick und sportlich, selbstbewusst und fröhlich. Aber doch nicht eine wie sie ...!
Der Grauangezogene war aufgestanden und kam zu ihr herüber. Reichlich nah. Ob er Zwiebeln zum Frühstück gegessen hatte? „Eine Buchhaltung ohne Zahlen gibt es nun mal nicht“, sagte er streng, nur um begeistert hinzuzufügen: „Ich finde Zahlen wunderbar in ihrer Logik und Unbestechlichkeit.“ Er nahm seine Brille ab, spuckte auf die Gläser und begann, sie mit seinem riesigen Taschentuch zu polieren.
Hannah rückte so weit wie möglich von ihm ab und putzte sich die Nase. Ihr Taschentuch war wesentlich kleiner als seines. Aber es reichte aus, für ein Mädchen.

Die Zeit tropfte wie zäher Schleim durch den Tag. Endlich war Mittagspause. Hannah wagte nicht, sich vorzustellen, dass sie von nun an immer erst am späten Nachmittag in die Freiheit würde zurückkehren dürfen.
„Ich gehe jetzt zu Tisch“, verkündete Frau Conrad. Es war Punkt zwölf. „Kommen Sie mit in die Kantine?“
Kantine. Essen. Das immerhin klang tröstlich. Es erinnerte Hannah an die Butterbrotdose aus Schulzeiten. Und da sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen, folgte sie der Mittdreißigerin und stand bald darauf mit lauter fremden, deutlich älteren Menschen an einem Stehtisch mit Senfglas und Ketchupflasche in der Mitte. Um Trost zu finden, leistete sie sich zu dem Brot, das Mutti ihr mitgegeben hatte, eine kalte Frikadelle. Schwups, weg war sie. Von nun an sah sie alle zwei Minuten auf die Uhr und fühlte sich wie ein Schmetterling in einem Schraubglas. Sie war viel zu schüchtern, um sich an den Gesprächen zu beteiligen und eigene Gedanken zu äußern, und was die Frauen redeten, interessierte sie nicht. Wenn sie dennoch einmal zaghaft lächelte, um nicht völlig unnahbar zu wirken, achtete sie darauf, den Mund nicht zu öffnen. Ihre mittleren Schneidezähne oben standen unschön übereinander, was einfach hässlich aussah. Weil sie das wusste, hatte sie vor dem Spiegel geübt, mit geschlossenem Mund zu lächeln. Das aber sah auch blöd aus. Wie das Grinsen einer Kasperlefigur.
 

Volle achteinhalb Stunden lang eingesperrt zu sein hinter dicken Mauern, flankiert von Regalen mit Leitz-Ordnern und orange blühenden Calla-Pflanzen, die hässlicher kaum hätten sein können, feste Arbeitszeiten durchhalten zu müssen, kurz nicht mehr Herrin ihrer selbst zu sein, all das quälte Hannah über die Maßen. Untätig gelangtweilt oder beschäftigt zu sein mit stets staubtrockener Arbeit, das war auch in den kommenden Tagen wie eine Strafe für sie für nicht begangene Untaten. Der Reiz von Bilanzen, von Soll und Haben erschloss sich ihr nicht. Sie lernte wirklich schrecklich gern, aber doch nicht so etwas ...! Als ihr gegen Ende der ersten Woche klar wurde, dass sie in diesem Unternehmen vermutlich niemals im schicken Kostümchen in einem Vorzimmer mit raumhohem Gummibaum und schallschluckendem Teppichboden sitzen, sondern weiterhin in verstaubten Büros, die einer Amtsstube glichen, vor sich hin vegetieren würde, wollte sie nur noch weg. Sie wusste zwar nicht, wohin, und Mutti würde aus allen Wolken fallen und protestieren, aber in diesem Backsteinknast würde sie eingehen wie eine Rose ohne Licht. Und das war einfach zu viel verlangt. Sie würde mit Mutti reden müssen. Noch am selben Abend. 


Mutti schien unbeeindruckt. „Das wird schon“, sagte sie. „Du musst dich halt erst eingewöhnen. Erinnerst du dich an den Spruch, den ich dir ins Poesiealbum geschrieben habe? Sage nie, das kann ich nicht, vieles kannst du, will’s die Pflicht, darum dich im Schwersten übe ... Also, du schaffst das schon.“
Hannah nickte ebenso ratlos wie ergeben und ging am nächsten Montag wieder hin. Rosa aber, die sich zu Hannahs erstaunter Freude doch wieder einmal in ihr meldete, quengelte und schimpfte so lange, bis Hannah  am Ende der zweiten Woche ernsthaft mit Mutti sprach, entschlossen, sich nicht plattreden zu lassen.
„Na, war‘ schön im Büro?“ Mutti rührte, einen Schlager summend, in der Graupensuppe, die sie für Hannah aufwärmte, und lachte sie über die Schulter hinweg kurz an.
„Nein, Mutti, es war schrecklich. - Es ist jeden Tag schrecklich.“
Mutti fiel der Löffel in den heißen Suppentopf. Fluchend holte sie ihn mit Hilfe einer Gabel wieder heraus. „Aber wieso das denn? Du übertreibst ...“
„Ich übertreibe nicht. Ich hasse es da. Ich will da wieder weg!“
„Aber Kind ...!“ Über Muttis Nasenwurzel entstand eine Falte. „Im Leben geht nun mal nicht alles so, wie man sich das erträumt.“
„Und wieso nicht?!“ Immer diese blöden Sprüche! Hannah, die sich so gern in der Gewalt gehabt hätte, heulte los. „Warum soll das Leben denn nicht schön sein? Es kann doch nicht sein, dass ich jetzt jeden Tag traurig sein soll, nur weil ich nicht mehr zur Schule gehen darf.“ Schniefend zog sie die Nase hoch, suchte vergeblich nach dem Rotzlappen im Ärmelbündchen ihres Kleides, nahm stattdessen den Handrücken und wusste nicht, wohin mit dem Schnodder. Scheiße!! Das dachte Hannah natürlich nur. So was sagte man nicht. Kopfschüttelnd reichte Mutti ihr ihr eigenes Taschentuch, bestickt und aus Batist.
„Du bist fünfzehn, Hannah. Du hast noch alles vor dir. Es wird sich schon richten.“
„Aber ganz bestimmt nicht von alleine!“ So entschlossen hatte sie noch nie mit ihrer Mutter gesprochen. Hannah zwang sich, Muttis Blick standzuhalten.
„Du brauchst Geduld. Morgen versuchst du es wieder. Jeder Tag ist anders.“
„Mach ich nicht!!“ Nun schluchzte Hannah dramatisch. Ganze Sturzbäche von Tränen ergossen sich, ganz, als habe sie allen Kummer ihres jungen Lebens aufgespart für diesen Moment.
„Gut so“, flüsterte Rosa.
Und endlich, wer hätte das gedacht, gab Mutti nach.
„Also gut, wenn es wirklich so schlimm ist ... Also, ich hör mich mal um.“
„Wirklich? Tust du das? - Oh, danke, Mutti ...!“
Hannah war ja so froh. So unendlich erleichtert.


Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth



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