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Mittwoch, 19. Mai 2021

Emotionen kreativ beschreiben - Pfänderspiele und der erste Kuss

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

Es gibt Momente in jedem Leben, die vermutlich bis zum Lebensende unvergesslich bleiben. Eines der wichtigsten dürfte der erste Kuss sein, selbst wenn man, wie Hannah, erst zehn Jahre alt ist:  

Für immer unvergesslich: das Herzklopfen beim ersten Kuss

Es waren nur noch ein paar Wochen bis zum Wechsel an die neue Schule, als Hannah von Wolfgang, dem Jungen mit den schmalen Augen, der sie immer so seltsam ansah, zum Geburtstag eingeladen wurde. Sie hatte ihren stillen Klassenkameraden, der stets eine Lederhose trug, die meiste Zeit über eher langweilig gefunden, doch seit er sich zu Karneval als Chinese verkleidet hatte mit einem glänzenden, gelben Cape und einem von seiner Mutter aus Pappe gebastelten Chinesenhut, an dem hinten ein Zopf aus schwarzer Wolle baumelte, gefiel er ihr irgendwie. Die Verkleidung hatte wirklich gut zu seinen schmalen Augen gepasst. Sie ließ ihn fremd und geheimnisvoll wirken, ganz anders als seinen Freund Rüdiger, der ja nun bald das Gymnasium würde besuchen dürfen. Der ging als Cowboy und gab stinkende Schüsse aus seiner albernen kleinen Pistole ab, worauf ein rosafarbenes Papierband mit abgebrannten Zündplättchen, das immer länger wurde, aus der Pistole herauskam. 

"Also, kommst du?", fragte Wolfgang.

"Ich frage meine Mutter, ob ich darf." 

Und Hannah durfte tatsächlich.


Wolfgangs Mutter öffnete die Tür, als Hannah zur vereinbarten Zeit klingelte, ein Päckchen in der Hand.
„Guten Tag. Du bist Hannah? Komm herein. Wolfgang wartet schon.“
Schüchtern trat sie ein. Der Kaffeetisch im Wohnzimmer war für drei gedeckt: Wolfgangs Mutter stellte schwungvoll eine Schale mit Sahne in die Mitte und setzte sich selbst vor einen der goldumrandeten, weißen Teller. Unbehaglich blickte Hannah ihren Klassenkameraden an. „Hast du sonst niemand eingeladen?“
„Nö.“
„Rüdiger auch nicht?“
„Nö.“
„Hast du wenigstens Geschwister?“
„Auch nicht.“
Wolfgangs Mutter schubste ein Stückchen Kirschkuchen auf Hannahs Teller, leckte ihre Fingerspitzen ab und trocknete sie an der Kittelschürze. „Magst du Kirschkuchen?“
Hannah nickte wortlos. Sie liebte Kuchen jeder Art und dennoch sehnte sie schon jetzt das Ende des Kaffeetrinkens herbei. Es war so peinlich, zu dritt dazusitzen, ohne andere Kinder. Wolfgangs Mutter sah lächelnd zwischen ihrem Sohn und ihr hin und her. Warum guckte die denn so komisch? Mehr als ein Stück Kuchen bekam Hannah nicht herunter. Endlich deckte Wolfgangs Mutter den Tisch ab und zog sich zurück. „Dann spielt mal schön. Wolfgang hat leider kein eigenes Zimmer, aber hier habt ihr ja genug Platz.“ 

„Was sollen wir denn spielen?“, fragte Hannah gedehnt.
„Weiß nicht. – Wir können ja was lesen.“
„Lesen?! Aber das ist doch blöd. Das können wir doch auch alleine.“
„Hm.“ Wolfgang bohrte nachdenklich in der Nase.
Meine Güte, was der langweilig! Wolfgang war ja tatsächlich noch ruhiger als sie und Langeweile konnte Hannah nun einmal gar nicht gut aushalten. Also beschloss sie, ihn aus der Reserve zu locken und wunderte sich über ihren Mut. „Sollen wir Bumskasten spielen?“, fragte sie. „Jeder braucht dann drei Pfänder.“
„Von mir aus.“
Wolfgang zog einen Pantoffel aus und holte sein Taschenmesser und ein klebriges Bonbon aus der Hosentasche. Hannah zückte ihr sauber zusammengefaltetes Stofftaschentuch sowie einen kleinen Stein aus ihrer Rocktasche und legte eine Haarklemme dazu.
„Wir brauchen noch ein Halstuch“, verlangte sie.
„Meine Mutter hat eins.“
„Dann hol es.“
Er gehorchte. Und plötzlich spürte Hannah eine ungeahnte Kraft. Unter vielen Kindern hatte sie Angst, doch zu zweit konnte sie sich offenbar durchsetzen. Das war eine neue und aufregende Erfahrung.
Sie band das Tuch straff um Wolfgangs Kopf und boxte in Richtung seiner Nase, wie sie es bei den anderen Kindern auf dem Schulhof gesehen hatte. Wolfgang zeigte keine Reaktion. Dann klopfte sie ihm, seinen Pantoffel in der Hand, dreimal auf den Rücken. „Bum, bum, bum, was soll der tun, dem dieses Pfand gehört?“ Ihr Herz klopfte laut.
„Der soll zehnmal springen, so hoch wie er kann“, sagte er, nahm das Tuch ab, sah seinen Pantoffel und begann wie wild zu hüpfen.
„Jetzt bist du dran.“ Wolfgang band ihr das Tuch um. Sie spürte seine unsicheren Finger in ihrem Nacken. Wie schön das kribbelte. Der Duft von 4711 Echt kölnisch Wasser, den das Tuch verströmte, ließ sie an Mutti denken, was sie kurz ernüchterte, doch schnell dachte sie wieder weg. Das Tuch rutschte. „Fester!“, sagte sie. Wolfgang zog. Es ziepte an den Haaren.
„Jetzt seh ich nichts mehr. Du kannst anfangen.“
„ ... was soll der tun, dem ...?“ Sie wählte eine schwierige Aufgabe, ohne zu bedenken, dass Wolfgang ihr Pfand in der Hand haben könnte, und robbte bald schwitzend unter allen vier Stühlen hindurch, was sie ungut an den Turnunterricht erinnerte.
„Bum, bum, bum ...“
Als sie dieses Mal an der Reihe war, zögerte sie nur kurz und dann, dann wagte sie es tatsächlich: „Der soll demjenigen, dem er in diesem Raum am allerliebsten hat, einen Kuss geben.“
Egal, wem das Pfand gehörte, der Kuss war ihr sicher. Sie riss sich das Tuch herunter. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Wolfgang auf das Taschenmesser in seiner Hand, lief puterrot an, wurde wieder blass und verengte seine ohnehin schmalen Augen zu Schlitzen. Dann gab er sich einen Ruck und ihr einen nassen Kuss, mitten auf den Mund.
Hannah wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Ein klein bisschen ekelig war das schon, aber sie war dennoch rasend stolz, von einem Jungen geküsst worden zu sein. 

"Pfänderspiele sind doof", sagte Wolfgang. "Ich könnte eine Märchenschallplatte auflegen." Er ging zum Musikschrank und begann zu kramen.
Schon um fünf gab es Abendbrot: Kartoffelsalat, belegte Brote und Senfgürkchen. Wieder saß Wolfgangs Mutter dabei. Hannah aß kaum etwas, sah vor sich hin und spürte noch immer Wolfgangs Lippen auf ihren Lippen.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie leise, kaum dass der letzte Bissen herunter war.
Wolfgangs Mutter sah auf die Uhr. „Keine Sorge. Wenn du jetzt gehst, schaffst es noch, bevor es dunkel wird.“
Hannah ging schnell. Den ganzen Heimweg über war sie hin- und hergerissen zwischen Stolz und Scham. Sie hätte vielleicht warten sollte, bis er sie fragte. Aber das hätte er wahrscheinlich nicht getan. Und sie wollte doch so gern ausprobieren, wie es sich anfühlen würde, endlich einen Kuss zu bekommen. So wie Mutti von Papa.

Hannah erzählte Mutti nichts von dem Kuss. Sie tauchte wieder ein in ihre brave Welt, in der sie noch immer nachmittags mit den Nachbarmädchen Philippchen tauschte, Verstecken spielte, Puppen an- und auszog und in Poesiealben schrieb. Wolfgang widmete sich wieder seinem Kumpel Rüdiger und wenn er Hannah während der nun folgenden letzten Schulwochen sah, guckte er schnell wieder weg. Sie hielt es ebenso. Sie blieb nur aus sicherer Entfernung ein bisschen verliebt in ihn. Und irgendwie genügte ihr das auch.

Und nun ihr: Kennt ihr aus eigenem Erleben Pfänderspiele? Wenn ja, schreibt darüber. Oder über euren ersten Kuss. Ich bin sicher, ihr habt ihn nicht vergessen. - Ach übrigens, habt ihr euch schon eine schöne Kladde zugelegt, in die ihr Notizen und Schreibübungen wie diese hineinschreibt? Oder arbeitet ihr lieber am PC? Das ist ein Unterschied. Probiert beides aus. Bei welcher Methode fühlt ihr euch kreativer? Auf welche Weise fließen die Worte besser? Wie lassen sich Emotionen für euch besser nachfühlen und beschreiben?


Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

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