Finde hier jede Menge lebendiger Inspiration und Tipps, um deine Lebenserinnerungen, deine eigene Biografie zu schreiben und in Form zu bringen! Geschrieben von einem Kind der Fünfziger Jahre, geboren im Kohlenpott. Gedacht FÜR DICH!

Dienstag, 25. Mai 2021

Silver Ager schreiben biografische Erinnerungen

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

"Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Das schrieb Jean Paul, 1763 - 1825, ein deutscher Schriftsteller, dessen Romane besonders Frauen gefielen. Tröstlicher Gedanke das! Je älter die Menschen werden, desto mehr leben sie in ihren Erinnerungen. Gutes Langzeitgedächtnis meets mieses Kurzzeitgedächtnis. Ein Umstand, bei dem man genießen kann, dass die Erinnerung so manches vergoldet. Hilfreich gerade für allein lebende Menschen. Gehörst du auch zu den Menschen, die sich gern an "die guten alten Zeiten" erinnern? Zu den Silver Agern, die ihre Erlebnisse wertschätzen und verarbeiten, indem sie endlich einmal alles aufschreiben. Sehr gut. Und klug. Wenn man zumindest das aufschreibt, was einem wieder und wieder in den Kopf kommt, hilft das - so meine Erfahrung - beim Loslassen. Was wohltuend ist. Aufschreiben ist in der Regel leichter, als Menschen zu finden, denen man seine Erlebnisse mündlich erzählen könnte. "Nun hör bloß auf mit den alten Geschichten ...!" - Wer lässt sich das schon gern vor den Latz knallen. Wenn die Erlebnisse und Erinnerungen einfach raus müssen und man nicht ständig mit den Wänden reden will, ist der Griff zu Stift und Tastatur ideal. Man schreibt endlich seine Autobiografie. Das macht Spaß. Das tut gut. Nun ja, manchmal macht es auch traurig und wehmütig. Man spürt ja, was man verloren hat. Doch wer offen dafür ist, wird auch ganz schnell dankbar, irgendwann vielleicht sogar demütig.

Wie bitte? Du fändest das anmaßend, deine Biografie zu schreiben? Das ist nur was für berühmte Leute? Blödsinn! Grundsätzlich kann jeder aufschreiben, was er will. Außerdem ist jede Lebensgeschichte einzigartig und - je nach Fokus und Erzählweise - auch interessant. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch die deine. Memoirs werden zunehmend gern gelesen. Allerdings ist es erst einmal nicht wichtig, dass du damit Geld verdienst. Erst recht musst du nicht berühmt damit werden. Du tust es für DICH - und das ist dein gutes Recht.


Wenn ich das Wort Silver Ager denke, fällt mir sofort die silbermähnige Greta Silver ein. Die flotte Influencerin und You-Tuberin hat noch ein paar Jährchen mehr als ich auf dem Buckel und wirkt mächtig fit. Sie lässt jeden spüren, dass alte Menschen etwas zu sagen haben und mitten im Leben stehen - mit all ihren Erfahrungen. Alter kann Reichtum und Erfüllung bedeuten. Von Genuss ganz zu schweigen Unter anderem davon redet sie, davon schreibt sie. Hast du ihr Buch "Wie Brausepulver auf der Zunge" schon gelesen? Herrlicher Titel! Ein Jahr später (2019) erschien ihr zweites Buch: "Alt genug, um mich jung zu fühlen". 

Fühlst du dich alt genug, um endlich das aufzuschreiben, was dir wichtig war und ist in deinem Leben. Willst du dich wieder jung fühlen dabei? Ich habe mich durchaus wieder jung gefühlt, als ich mich in meine Kindheit versetzt habe, in meine Schulzeit. Hier im Blog könnt ihr - als Hannahs Geschichte - davon lesen. Wenn ich bis dahin dachte: Meine Güte, fühlt sich an wie gestern erst!, so dachte ich beim Schreiben: Meine Güte, fühlt sich an wie heute. Traurig und schön. Vor allem schön. 

Also, auch wenn Silver Ager zuweilen als berufstätiger, aktiver, erfolgreicher Mensch im besten Alter, auch Best Ager genannt, bezeichnet wird,  ich finde, jedes Alter ist es wert, genauer betrachtet und künstlerisch zum Ausdruck gebracht zu werden. Je älter, desto eher allerdings. Die Tage werden kürzer - irgendwie. Schreibt. Oder lasst schreiben.

Eine Abkürzung gibt es auch gerade mit Hannah Geschichte. Ich lasse einiges aus, was ihr später im Buch lesen werdet, und mache einen Satz, direkt hinein in die Disco:

Padders?
Hannah hinkte ihrer Zeit hinterher. Sie verfügte über keine aktuellen Schallplatten und erst recht nicht, so wie Bärbel, über einen eigenen Koffer-Plattenspieler. Eine einzige interessante Single hatte sich im Plattenschrank ihrer Eltern zwischen die langweiligen Schellackplatten von Anneliese Rothenberger, Rudi Schuricke und Rudolf Schock verirrt. Vermutlich ein Geschenk, das nicht gewürdigt wurde. Ein gewisser Manfred Mann sang Hoowhadiddi-di-dididum-dididoo. Oh, wie toll! Einfach super, diese Musik. Glücksgefühle durchströmten Hannah. Von nun an spielte sie die Platte, deren Rhythmus ihr unmittelbar in die Beine, ja in den ganzen Körper fuhr, in jeder freien Minute. Sie dudelte die Single, bis Mutti wieder einmal über ihre schlechten Nerven klagte und ernsthaft damit drohte, sie wegzuwerfen. Was Hannah dazu brachte, sie seltener und leiser zu höher und nur dann voll aufzudrehen, wenn ihre Eltern endlich einmal wieder außer Haus waren.


Wenig später, Hannah und Bärbel waren inzwischen vierzehneinhalb, stellte Bärbel eine Frage, deren Folgen alles bisher Erlebte in den Schatten stellen würde: „Kommst du mit zu Padders?“
„Zu wem?“
„Zu Padders. Das sind die Pater von Don Bosco. Die machen Musik für junge Leute im Gemeinderaum. Kirchendisco.“
Hannahs Herz schlug höher. Musik. Disco. Da waren Jungs! Diese geheimnisvollen Wesen, die sie ebenso anzogen, wie sie sich vor der näheren Bekanntschaft mit ihnen fürchtete. Doch mit jedem Monat den sie älter wurde, nahm die Sehnsucht zu, einem von ihnen näher zu kommen. „Ich glaube, das erlaubt meine Mutter nicht“, sagte sie und spürte deutlich, wie ihre Mundwinkel nach unten sanken. Mutti erlaubte nie, was richtig Spaß machte.
„In der Krypta von St. Paulus gibt es auch jeden Sonnabend Disco“, schob Bärbel nach. „Da könnten wir auch hin. Das ist näher dran.“
Die katholische Kirche war Hannah bekannt. Sie lag fünf Minuten von Bärbels Wohnung entfernt. Während Hannah evangelisch getauft worden war, war Bärbel katholisch. Noch etwas, was sie auszuzeichnen schien. Die katholischen Kirchen waren so viel schöner und geheimnisvoller als die schlichten protestantischen. Allerdings wurde die Sache auch strenger gehandhabt. Bärbel hatte regelmäßig zur Sonntagsmesse anzutreten und zur Beichte, bei der sie hinter einem Vorhang durch ein hölzernes Gitter dem Pater auf der anderen Seite ihre Sünden gestand. Und wenn bei Padders oder in der Krypta wirklich etwas Schlimmes geschähe, würde Bärbel vermutlich selbst nicht dahingehen, weil sie es ja dann würde beichten müssen. Und diese Beichte im Halbdämmer und bei Weihrauchduft, die Hannah auch irgendwie romantisch fand, lag ihr schon jetzt gehörig auf dem Magen.


Hannah rang mit sich. Tanzen fand sie toll. Sie bewegte sich gern zu Musik, sie mochte den Beat, sie liebte die schmelzenden Liebesballaden. Und dieser Peter Maffay, der seit kurzem mit einem Hit namens "Du" im Radio zu hören war, jagte ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Das strafte ihr stilles Versprechen, sich auf die Schule zu konzentrieren und Jungs Jungs sein zu lassen, Lügen. Das deutliche Flattern in ihrem  Magen zeigte ihr doch, dass es sehr reizvoll sein könnte, Discoluft zu schnuppern und junge Männerarme um ihre Taille zu spüren und Jungenhände auf ihren Schultern. "Das ist auch toll", flüsterte Rosa, die in letzter Zeit immer seltener von sich hören ließ. "Du wirst es genießen". Hannah musste es einsehen: Es half nichts, sie würde Mutti fragen müssen. 


Mutti zu überzeugen, war ein gutes Stück Arbeit, doch Hannah erwies sich als zäh. Und es gelang. „Na gut, du darfst gehen, aber um neun bist du wieder zu Hause.“
„Wirklich? Oh, danke, Mutti, du bist die Beste!“
Hannah war selig. Bereits um neun Uhr zu Hause sein zu müssen, war zwar schon etwas peinlich, aber ein Anfang war gemacht. Ein echtes Problem allerdings war die Auswahl der Garderobe. Hannah hatte ja nun mal mehr gebrauchte als neue Klamotten im Schrank. Nagelneues gab es selten, Modisches noch seltener. Sie besaß ausschließlich Röcke, brave Blusen und Strickjacken, dazu ein, zwei Kleider. Hosen galten als ausgesprochen unweiblich, zumindest in Muttis Welt. Sie besaß sogar gebrauchte Schuhe, weil die Brauns einfach nicht genug Geld hatten. Das alles mochte für den Alltag noch durchgehen, aber doch nicht für das, was sie nun vor hatte...!
Zu ihrem ersten Disco-Abend zog Hannah das Schickste an, was ihr zur Verfügung stand: ein tomatenrotes Jerseykleid mit heller Knopfleiste und Stoffgürtel, dessen Saum kurz überm Knie endete, dazu eine nagelneue eierschalfarbene Strumpfhose mit Lochmuster, die sie sich ertrotzt hatte.
Wie vereinbart, holte sie Bärbel zu Hause ab. In einem kurzen roten Faltenrock, den sie noch nicht kannte, sprang ihre Freundin im Treppenhaus die Stufen hinab. Der enge weiße Pulli mit den roten Paspeln zeichnete die Linie ihrer Brüste nach und mit ihren weißen Kniestrümpfen, die noch ein wenig kindlich wirkten, hätte sie Lolita sein können. Ihre glänzenden, weizenblonden Haare waren inzwischen bis über ihre Schultern gewachsen und erschienen Hannah wie eine Engelsmähne. Aschblond, einen halben Kopf größer als Bärbel und mit viel zu strammen Waden, fühlte sie sich wie ein Bauerntrampel neben ihr und es stand zu befürchten, dass in der Disco nicht ein einziger Junge sie ansehen würde, solange Bärbel da war. Oder vielleicht doch ...?

Hier geht es auf kürzestem Wege zur kostenlose Leseprobe von Hannah - Band 1, in dem es um erste Disco-Besuche geht - und um weit mehr

Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

Montag, 24. Mai 2021

Erfolg als Selfpublisher, Freundschaft und der Traum vom Schriftstellerleben

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

"Ich bin so fasziniert von deinen Berichten, dass ich nicht genug kriegen kann. Auch deine Erklärungen, Einleitungen, Zusammenfassungen sind so überaus unterhaltsam, dass ich dir sehr dankbar bin, dieses Privileg des Bloglesens von dir bekommen zu haben!!!" Das schrieb mir über Whatsapp Astrid, eine gute Freundin und langjähriges Mitglied der von mir geleiteten Schreibwerkstatt, die wegen Corona derzeit leider gerade pausiert. Astrid, die an der Meisterschule für Mode ihre Ausbildung zur Directrice gemacht und der noch heute, als Pensionärin, alles Künstlerische, Kreative nah und wichtig ist. So was verliert sich nicht.

Ich nehme Astrids nette Aussage also mal als eine Art Applaus aus künstlerisch berufenem Munde. Applaus als Brot des Künstlers, auch wenn man es nicht essen kann. Daher nichts gegen gute Honorare, faire Verlagsverträge und tolle Erfolgszahlen beim Selfpublishing, die sich in barer Münze bezahlt machen. Von einer Platzierung auf den vorderen Plätzen bei Amazon, über die sich ein befreundetes Autorenpaar schon mehrfach freuen durfte, ganz zu schweigen. So was adelt und zahlt sich erst recht durch gute Verkaufszahlen aus. Applaus. Anerkennung. So was brauchen Künstler oft noch mehr als Kohle.

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt ungemein. Ich bin seit einem halben Jahr Rentnerin und habe keine finanziellen Sorgen. Das beruhigt tatsächlich. Dennoch habe ich so meine Träume und Visionen. Der Traum, als Schriftsteller oder Schriftstellerin reich und berühmt zu werden, hat auch vor mir, ich gestehe es ganz im Geheimen, nicht Halt gemacht. Auch wenn ich weiß, dass dieser Traum sich nur für ganz wenige erfüllt, habe ich ihm hin und wieder Raum gegeben. Nicht etwa, weil ich mir jetzt dicke Klunker à la Liz Taylor hätte zulegen wollen oder eine Hochseeyacht, Gott bewahre! In meinen Träumen führte ich weiterhin ein ruhiges, auf elegante Art bescheidenes Leben, das mir viel Zeit zum Schreiben und Malen ließ. Ich sah mich in einem schönen alten Haus mit einem großen, stillen Park und hohen alten Bäumen. Dekadenterweise gab es ein wenig Personal, aber nur, weil ich sonst nicht genügend Zeit zum Künstlern gehabt hätte. Einen gütigen, alten Gärtner zum Beispiel, der mir das Schneiden der Rosen überließ und genau dort einen Laubengang mit verschwenderisch blühendem Blauregen anlegte, wo ich es gern wollte. Da war die humorvolle Haushälterin, die mit mir den Menüplan besprach, mir beim Essen Gesellschaft leistete und ansonsten alles hübsch adrett hielt, so dass ich mich aufs Schreiben konzentrieren konnte. Da waren Düfte und Geräusche. Ab und zu Gäste, Gläserklingen, Plaudern, Lachen im Garten, am Abend, ein laufes Lüftchen weht, von irgendwoher der Duft von Flieder, ein paar Laternen werden entzündet. Und dann ... Stopp! Kitschalarm. Oh weh. Ich gestehe es ja: Ich bin eine unverbesserlicher Romantikerin. 

Also, langer Rede kurzer Sinn: Wir Menschen brauchen Resonanz. Als Künstlerseele erst recht. Deshalb möchte ich auch euch ermutigen: Tauscht euch über euer Schreiben aus, holt euch Rückmeldungen, lest einander vor, übt konstruktive Kritik, macht euch gegenseitig Mut. Glaubt an eure Begabung, an euren Erfolg. Wenn ihr begeistert seid und am Ball bleibt, wenn ihr brennt fürs Schreiben, wird sich das irgendwann auszahlen - ob als Selfpublisher oder bei einem Verlag. Macht euch auf den Weg. Probiert euch auch. Übt. Werdet besser. Es gibt überall Schreibwerkstätten und vergleichbare Kreise. Und Schreiberlinge sind einfach so nette Menschen ...! ;-)

Was mich betrifft: Ich freue mich derzeit tierisch über jede positive Rückmeldung. Ich bin hochbeglückt darüber, dass die Klickzahlen schon wieder um ein Drittel höher sind als noch vor drei Tagen. Ich nehme dankbar jeden konstruktiven Tipp, jede Anregung von euch auf. All das macht mir Mut, hilft mir, mein großes Ziel, selbst in meinem Alter, nicht aus den Augen zu verlieren. Ich bin jetzt sechsundsechzig und da fängt ja laut Udo Jürgens das Leben gerade erst an. Mein Erstgeborener, dem Tod mit vierzehn Jahren gerade mal so von der Schippe gesprungen, wird heute neununddreißig. Mit fast siebzig stelle ich mir frecherweise vor, noch als Schriftstellerin durchzustarten und Leser und Leserinnen zu finden, die, wie Astrid, sagen werden: Ich kann gar nicht aufhören? Und warum sollte ich nicht mutig träumen? Ich weiß, dass ich schreiben kann. Und Rosamunde Pilcher war ja auch wahrlich nicht mehr die Jüngste, als sie so richtig loslegte.

Jetzt aber erst einmal Schluss mit Nabelschau und Geplauder. Bärbel, die Freundin, auf die Hannah schon so lange gehofft hat, wartet darauf, hier endlich ein bisschen näher vorgestellt zu werden. Und los geht's: 

Bärbelchen
Es klopfte an der Tür, ganz leise nur, und Hannah, die gerade noch vor sich hingeträumt hatte, blickte auf. Was Herr Schäfer, ihr Klassen-, Mathe-, Physik- und Chemielehrer, gerade im Physikraum der Borbecker Mädchenrealschule über den Zusammenhang von Gewitter und elektrischer Ladung erzählt hatte, hatte sie gerade kaum aufnehmen können. Allzu gern verschwand sie in ihrer inneren, eigenen Welt. Dann betrachtete sie einfach nur die sommersprossigen Hände ihres Lehrers, der Bunsenbrenner und allerlei verbogene Gläser, Schläuche und sonstiges Versuchszubehör zurechtlegte, und schaltete ansonsten ab. Es klopfte ein zweites Mal, lauter jetzt. Nun hoben auch die übrigen Teenager, die im Physikraum mit seinem ansteigend angeordneten Gestühl und den Tischen voll eingravierter und mit blauer Tinte ausgefüllter Inschriften saßen oder müde hingen, die Köpfe. Erfreut, wie es schien. Eine Unterbrechung vom Unterricht war immer gern gesehen. 

Herr Schäfer, zu Hannahs ungläubigem Staunen Vater zweier noch kleiner Kinder, obwohl er mit dem weißgekräuselten Haarkranz, dem grauen Anzug, den Hosenträgern über dem weißen Hemd und dem weichen, eher unmännlichen Gesicht eher wie ein Opa aussah, war ein wirklich lieber Mensch. Es schien ihm geradezu körperlich wehzutun, wenn er einer Schülerin eine schlechte Note geben oder sie auf sonstige Weise enttäuschen musste und wie sehr er zwei Jahre später ausgerechnet Hannah enttäuschen würde, hätte sie wohl selbst nicht gedacht. In wenigen Minuten aber würde er etwas tun, für das sie ihm ewig dankbar sein würde.
„Herein!“, rief Herr Schäfer und legte sein Instrument aus der Hand.
Ein blondes Mädchen in weißen Kniestrümpfen, dessen kinnlange Haare wie Spaghetti vom Kopf herabfielen, trat ein. Sie hatte große, blaue Augen, war dünn und sicher einen ganzen Kopf kleiner als Hannah.
„Na, da bist du ja endlich. Du musst Bärbel sein. Hast dir wohl ein paar Ferientage extra gegönnt, wie? Nun, eigentlich ist nur der Umzugstag selbst frei ...“
„Das wusste ich nicht!“, sagte das Mädchen unbefangen und strahlte den Lehrer an.
Der lächelte warm zurück. „Na ja, Schwamm drüber. Komm herein und mach die Tür zu.“
Er wandte sich an die Klasse. „Das ist also Bärbel“, sagte er. „Sie ist zugezogen. – Du kannst dich gleich auf den freien Platz neben Hannah setzen, Bärbel.“ Er wies mit der Hand in Hannahs Richtung. „Hannah, du kannst heute Mittag mit Bärbel zusammen nach Hause gehen. Ihr habt den gleichen Weg.“
Was?! Wie? Hannahs Herz schlug ihr bis zum Hals. Schon, dass Herr Schäfer sie überhaupt in besonderer Weise wahrnahm, konnte sie kaum fassen. Aber die Neue und sie ...? Oh, alle würden sie beneiden. Neue waren so spannend. Und diese Bärbel sah wirklich nett aus. Auch wenn Hannah überzeugt war, dass Bärbel sie sicher ebenso langweilig finden würde wie alle anderen, erlaubte sie sich zaghafte Freude. Wie nett das neue Mädchen sie anlächelte. Schwitzend wischte sie Hannah die feuchtgewordenen Finger an ihrem Baumwollrock ab.
Sie war glücklich, stolz und verunsichert zugleich. Denn sie merkte es gleich: Bärbel war anders als sie. Sie wirkte selbstbewusst und schien mitten im Leben zu stehen. Hannah hätte nie gewagt, sie anzusprechen, wenn ihr Klassenlehrer es nicht verordnet hätte. Zugleich spürte sie deutlich, dass er sich etwas dabei gedacht haben musste. Sie war ihm offenbar doch nicht gleichgültig. Er wollte ihr helfen. Doch bei aller Dankbarkeit wand sie sich innerlich. Was sollte sie denn nur zu ihr sagen, damit sie nicht gleich merkte, was für eine Langweilerin sie war? Ihr fiel nichts ein, ums Verrecken nicht, und so blieb sie stumm wie der Fisch, der sie vom Sternzeichen her war.
Bärbel aber, ebenfalls ein Fisch, wäre nicht Bärbel gewesen, wenn sie die Sache nicht in die Hand genommen hätte. „Schön, dass wir den selben Weg haben“, raunte sie ihr zu, „wo wohnst du denn?“
„Donnerstraße 5. Das Haus mit der Kneipe unten drin.“
„Na, prima. Ich wohn‘ Münstermannstraße 2. Das sind nur fünf Minuten zu Fuß von dir, direkt an der Bahn, weißt du?“
Hannah hatte keine Ahnung, nickte aber.
„An dem Haus mit der Kneipe komme ich jeden Tag vorbei“, flüsterte Bärbel. „Dann können wir ja jetzt immer zusammengehen.“

                                                             Das Leben kann so viel bunter sein als man denkt ...!


„Wirklich?“
„Na klar.“ Bärbel sah sie offen und fröhlich aus ihren blauen Kulleraugen an. Und lächelte schon wieder. Sie schien rein gar nichts gegen Hannah einzuwenden haben. Und Hannah lächelte ungläubig zurück.
Wie flott Bärbel aussah in ihrem kurzen Rock über den schlanken Beinen. Sicher war sie eine Kanone im Turnen. Sie wirkte überhaupt ganz so, als könnte sie die Welt aus den Angeln heben. Es war mehr als unwahrscheinlich, aber wenn sie wirklich, wirklich ihre Freundin werden würde, das wäre einfach zu schön ...!
Gleich nach der Physikstunde umringten einige ihrer Mitschülerinnen Bärbel neugierig, während Hannah so tat, als müsse sie dringend ihren Tornister aufräumen. Auch zu ihnen war Bärbel nett. Würde eines der anderen Mädchen das Rennen machen? Doch das Wunder geschah. Nach Unterrichtsschluss gesellte Bärbel sich zu Hannah und wie von ungefähr überquerten die beiden gemeinsam den Schulhof, gingen vorbei am Musik- und am Handarbeitsraum, die im Seitentrakt lagen, durchs rückwärtige Tor und die Straße hinunter. Sie plauderten miteinander, als hätten sie nie etwas anderes getan und schon bald waren die Mädchen unzertrennlich. Jeden Tag marschierten sie Seite an Seite zur Schule und zurück. Stapften durch den Regen, hofften an sonnigen Tagen auf Hitzefrei, ließen sich vom Wind die Haare aus den Gesichtern blasen oder eierten, alte Socken über den Schuhen, über Glatteis dahin. Sie übten gemeinsam für die Klassenarbeiten, spazierten untergehakt durch die Straßen, erzählten einander Geheimnisse und trafen sich nachmittags daheim, um Schallplatten zu hören und einander von ihren Träumen zu erzählen.
Bärbel wurde Hannahs großes Vorbild. Sie tat Dinge, die Hannah nicht tat. Sie bürstete ihre dicken, blonden Haare beherzt mit einer Drahtbürste, die Hannah moderner erschien als ihr Naturborstengerät. Sie aß, bevor sie miteinander nach draußen gingen, noch schnell einen zusätzlichen Teller Haferflocken mit Apfelsaft, damit sie endlich dicker würde – ein Problem, das Hannah niemals haben würde, ganz im Gegenteil. Hannah besaß bloß einen stummen blauen Wellensittich namens Putzi, obwohl sie viel lieber einen giftgrünen, sprechenden gehabt hätte. Bärbel aber nannte einen sonnengelben Kanarienvogel ihr eigen, der Laute von sich gab, die mit viel Fantasie Worte hätte sein können, und in der Küche dekorativ auf seiner Käfigstange saß. Sie pflegte ihre Haut mit duftender Nivea und ihre Pickel mit schwefelhaltigem Puder, der aus einer gelben Plastikflasche staubte. Alles, was Bärbel hatte und tat, erschien Hannah erstrebenswert und vom nächsten Taschengeld kaufte sie den gleichen Puder und benutzte ihn über Jahre, obwohl sie gar nicht so viele Pickel hatte, und vom übernächsten Taschengeld kaufte sie eine Haarbürste wie sie.
Und dann kam der Tag - Bärbel und sie standen gerade an der verkehrsreichen Kreuzung in der Nähe ihrer Wohnung - an dem sie einen Entschluss fasste: „Wenn ich mal heirate und ein Kind kriege, dann wirst du die Patentante, ja, Bärbel?“
„Meinst du das ernst?!“ Sie strahlte.
„Natürlich!“, sagte Hannah, während gleich neben ihnen die Straßenbahn klingelte und die Motoren der Autos lärmten. Sie stand dazu, obwohl sie eigentlich davon überzeugt war, eine alte Jungfer zu werden, wodurch sie vermutlich niemals Kinder haben würde. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie dachte an etwas Anderes. Noch viel weiter voraus in die Zukunft. Der Gedanke war plötzlich da.
„Du, Bärbel“, sagte sie, „wir leben jetzt vielleicht noch fünfzig Jahre oder so. Das ist doch ganz schön lange, oder?“ Bärbel nickte und sah nachdenklich aus.
„Dann sind wir schon über sechzig. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Das ist wirklich schrecklich alt. Aber vielleicht werden wir ja noch älter.  Achtzig. Oder sogar hundert.“

Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

Sonntag, 23. Mai 2021

Persönlichkeitsrechte in der Biografie und die sehnsüchtige Suche nach Freundschaft

                           Freundschaft mit Bäumen ist was Schönes, aber mit echten Freunden will man reden können ...!

 

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

"Männer kommen und gehen, beste Freundinnen bleiben." Dieser Spruch stand auf einem überaus praktischen, zusammenfaltbaren Einkaufsbeutel, den mir meine alte Freundin Roswitha vor einigen Jahren schickte. Sie tat es als liebevolle Geste, nachdem der dritte und interessanteste meiner Ehemänner beschlossen hatte, nicht länger an meiner Seite zu verweilen. Roswitha hatte ich als Siebzehnjährige kennengelernt. Nun, rund vierzig Jahre später, waren wir immer noch gute Freundinnen, auch wenn wir einander selten sahen. 

Noch länger als Roswitha kenne ich Bärbel. Als wir einander zum erstenmal sahen und geradezu miteinander verkuppelt wurden, waren wir beide dreizehn. Um genau zu sein, war sie dreizehn Tage älter als ich. Für mich war die Dreizehn damals noch die traditionelle Unglückszahl. An jedem Freitag, dem Dreizehnten, verspürte ich ein gewisses Grummeln im Magen, das erst am Abend verschwand, wenn ich auch diesen Unglückstag wieder glücklich und unbeschadet überstanden hatte. Was Bärbel betrifft, so ist die Dreizehn unzweifelhaft eine Glückszahl. Sie wurde die Patentante meines Erstgeborenen, wie ich es ihr schon als Jugendliche versprochen hatte. Sie ist wie eine Schwester für mich und wir begleiten einander nun seit über 50 Jahren durchs Leben. Inzwischen liegen rund 400 Kilometer zwischen uns, neuerdings auch noch Corona. Aber das schadet nicht wirklich. Innere Nähe und Verbundenheit bleiben. Bärbel ist wichtig in meinem Leben. Und so gebührt ihr in meiner Biografie ein Ehrenplatz, ein eigenes Kapitel. 

Das Thema Persönlichkeitsrecht ist in ihrem Fall kein Problem. Sie vertraut mir. Sie hat mir erlaubt, ihren echten Namen zu verwenden. Bei ihr brauche ich nichts zu verfremden. Doch bevor ihr erfahrt, wie Bärbel in mein Leben kam und was Herr Schäfer, unser gütiger Klassenlehrer, mit der Sache zu tun hatte, solltet ihr verstehen können, wie dringend ich ein Mädchen wie sie brauchte. Zu einer Zeit,  zu der ich mich eigentlich viel zu wertlos zu fühlte für eine echte Freundin. Zu der es so unendlich schwierig erschien, mich selbst gut zu finden. An manchen Tagen fühlte ich mich wie ein stacheliger Kaktus, der sich nicht einmal selbst umarmen mag:

Katharina und Kino-Karin
Gegensätze ziehen sich an und gleich und gleich gesellt sich gern. Um sich für eine beste Freundin entscheiden zu können, sollte am besten beides zutreffen. Bei der Anderen findet man das, was einem selbst fehlt. Man entdeckt gemeinsame Werte, die lebenslang bleiben. Auf eine solche Freundin wartete Hannah, ohne es auf diese Weise ausdrücken zu können, schon verdammt lange. Die rothaarige Ulla in der Volksschule war eine Notlösung für sie gewesen, ein Mittel gegen die totale Einsamkeit auf dem Schulhof, mehr nicht. Die Freundinnen in der Wiesenstraße waren Spielgefährtinnen gewesen, die nun einmal da waren, weil sie in der Nachbarschaft wohnten, die ihre Seele aber nicht oder nur in seltenen, stillen Momenten erreichten. Auch an der Realschule hatte sich noch immer niemand gefunden, der ihr Herz berührte. Das tat weh. Das fühlte sich leer an. Etwas Entscheidendes fehlte.

Hannah sah keine Möglichkeit, das zu ändern. Sie war viel zu schüchtern und fand sich kaum liebenswert genug, einer allerbesten Freundin würdig zu sein. So wurde sie zunehmend traurig und immer stiller. In ihrer Einsamkeit war sie sehr geneigt, sich wieder mehr dem Essen zuzuwenden, doch selbst das war ein Problem. Ihr Taschengeld reichte nicht aus, um während der Pause in der Schulkantine oder an der kleinen Bude außerhalb regelmäßig leckere Trösterchen, wie Hanuta, Kokosschokolade oder Prinzenrolle, kaufen zu können. So schlenderte sie in den Pausen, ihr langweiliges Brot mümmelnd, über den Schulhof, sah wie üblich den Anderen zu, wagte nur hier und da eine schüchterne Bemerkung, viel zu leise und scheu gemacht, um Resonanz zu finden und blieb allein. Irgendwann aber reichte es ihr. Es wurde ihr zu bunt mit der Tristesse. So begann sie, ihre Abgeschiedenheit mit einer weiteren Außenseiterin zu teilen. 

Ihre Wahl war auf Katharina gefallen, ein ruhiges, freundliches Bergarbeiterkind. Katharina hatte ein flächiges Gesicht und braune Locken, die ihre Mutter regelmäßig in Kinnhöhe Marke Kapottschnitt kappte. Ihre Stimme war leise und sanft. Streiten konnte man sich nicht mit ihr. Eher hätte man sich zu Tode mit ihr langweilen können. Immerhin, Katharina war keine Gefahr für Hannah das spürte sie. Sie würden einander nicht weh tun. So führten die beiden Mädchen auf dem Schulhof eher einsilbige Gespräche, bei denen sie mehr auf ihre Schuhspitzen sahen als einander in die Augen. Als Gefährtin war Katharina ebenso wie Ulla noch schüchterner als sie, was Hannahs Selbstbewusstsein in gewisser Weise guttat. Nach einer Weile begann sie, Katharina, die sich nicht zu ihr nach Hause traute, in deren Zimmerchen unterm Dach in einem der düsteren kleinen Reihenhäuser in Bergeborbeck zu besuchen, gleich gegenüber der Zeche. Im Halbdunkel der Küche servierte Katharinas Mutter selbstgebackenen Stachel- oder Erdbeerkuchen, mit Beeren aus dem schmalen Garten, der sich an das graue Haus anschloss. Im Dachzimmerchen zeigte Katharina Hannah mit schüchternem Augenaufschlag den schon fast vollständigen Bravo-Starschnitts ihres dackelblickigen Lieblingssängers Roy Black und weitere Poster an der Zimmerwand. Immer wieder spielten die Mädchen die beiden Singles ab, die Katharina von ihrem Idol besaß, und bei „Ganz in Weiß“ wurde Hannah jedes Mal ganz anders. 

Roy‘s Schmusestimme machte etwas mit ihr. Da war so ein seltsames Gefühl in ihrer Brust und in ihrem Magen. Alles zog sich zusammen. Zum einen stellte sie es sich furchtbar romantisch vor, ganz in Weiß, mit einem Strauß roter Rosen im Arm, an der Seite eines so schönen Mannes, wie dieser Roy mit dem dunklen Haar, dem Grübchen im Kinn und dem strahlendem Blick es war, vor den Traualtar zu treten. Andererseits würde sie noch immer und trotz allem viel lieber zum Gymnasium gehen und danach studieren, Möglichkeiten nutzen, deren Vorhandensein sie wie hinter einer Nebelwand zwar spürte, die sie aber nicht benennen und konkret sehen konnte. Geisterwesen in den verborgenen Windungen ihres Seins. 

„Wenn ich einmal heirate“, sagte Katharina bei jedem Besuch, „dann nur Roy Black“. Dann lächelte sie versonnen und ihr Blick richtete sich in eine Ferne, in der nur sie etwas sah.
Dass Katharina Roy Black heiraten würde, hielt Hannah für mindestens ebenso unwahrscheinlich wie die Vision, dass jemand, der ihr wirklich gefiel, sie selbst heiraten würde heiraten wollen. Wahrscheinlich würde sie froh sein können, wenn sich überhaupt jemand fände. Und weil das so war und obwohl Mutti steif und fest behauptete, dass sie eines Tages einen netten Mann heiraten würde, konzentrierte sie sich einstweilen auf die Schule. So gut es ging, unterdrückte sie jede Regung, die der Sehnsucht nach einem Jungen an ihrer Seite hätte Nahrung geben können. Kunst und  Französisch mochte sie mehr denn je. Sie ließ sich das j in „je“ oder „Bon jour“, das g in „collage“ oder „marriage“ auf der Zunge zergehen. In den Accent Circonflex, der, geformt wie ein kleines Hausdach, das eine oder andere „e“ krönte, war sie geradezu verliebt. Sie malte und bastelte in der Schule ebenso gern wie in ihrer Freizeit. Mit Inbrunst schob sie Pailletten und Röhrchen aus Gold- oder Silberfolie über Stecknadeln und verankerte sie in Styroporkugeln. Mit Begeisterung zeichnete und malte sie Szenerien, die ihre Fantasie ihr eingab. Die Hausaufgaben machte sie eher nebenbei. Sprachen flogen ihr zu. Bei Mathe und Physik musste Papa abends oder am Wochenende helfen, was er auch hinbekam. Dass er selbst nur die Volksschule besucht hatte, änderte ja nichts an seiner Intelligenz und an seiner angeborenen Ruhe und Geduld, die sich pädagogisch als wertvoll erwies. Das war wichtig, denn sonderlich geduldig war Hannah nicht.
Papas Nachhilfe war von Erfolg gekrönt. Bald hatte Hannah sich einen Platz unter den fünf oder sechs besten Schülerinnen der Klasse erobert. Sie konnte zwar nicht eine einzige Eins in ihren Zeugnissen vorweisen, aber auch keine Fünf oder gar Sechs. Die einzige Vier gab es in Sport. Hannahs Ehrgeiz genügte es zwar nicht, dass sie nicht wenigstens zu den besten Drei zählte, doch es entsprach ihren Kräften und Interessen. Sie war schnell müde, schlapp und seelisch überfordert. Ihr Geist war wacher als ihr Körper und stabiler als ihre Seele. Aber er war auch wählerisch. Sie hatte einfach keine Lust, alles zu lernen, was ihr vorgesetzt wurde. Sie träumte davon, das zu tun und zu lernen und auszuprobieren, was zu ihr passte. Wenn sie doch nur genauer gewusst hätte, was das sein könnte ...! 

Parallel zu Katharina freundete sie sich irgendwann mit Karin aus der Parallelklasse an. Deren Eltern besaßen in Borbeck ein Kino, was Hannah sehr exotisch fand. Und was sie kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah: Karin lud sie nicht nur zu sich nach Hause ein in die Altbauwohnung gleich über dem Kino, wo die beiden Mädchen auf der großen Dachterrasse mit Karins Schildkröte spielten und Hannah fasziniert beobachtete, wie ein gelbgrünes Salatblatt in dem uralt und zahnlos wirkenden Gesicht der Kröte verschwand. Sie lud sie auch zu Filmen ein, die jugendfrei waren.  Seite und Seite fieberten die beiden Mädchen dann mit den Gestalten auf der Leinwand und kühlten ihre Emotionen, indem sie je eine ganze Packung Eiskonfekt verspeisten, von Karins Mutter spendiert. Welch ungewohnter Luxus ...! Für Hannah waren das Sternstunden. Beglückt erlebte sie, während die dunkle Fettglasur sanft unter ihrem Biss wegknackte und das Vanilleeis auf ihrer Zunge schmolz, Susi und Strolch oder die Männer mit ihren fliegenden Kisten sowie einige wenige andere Filme. Allzu lange hielt die neue Freundschaft allerdings nicht. Wenn sie ehrlich war, dann war ihr Wunsch, umsonst ins Kino zu kommen, größer als andere Gemeinsamkeiten. Bald lud Karin sie nicht mehr ein. Ein paar Nachmittage lang streunte Hannah nun mit Corinna herum, einem Mädchen mit dunklem Blick, das sie vor der Schule angesprochen hatte.  Als Sitzenbleiberin war Corinna allerdings in Muttis Augen absolut kein Umgang für Hannah und nachdem Corinna sie einmal überredet hatte, mit ihr über den nahegelegenen Friedhof zu gehen, auf dem angeblich Geister aus den Gräbern kamen, was sie kürzlich erst genau gesehen habe, da war es auch mit dieser Beziehung aus. Mutti vertrimmte Hannah nach Strich und Faden, außer sich vor Sorge, als Hannah nach diesem vermeintlichen Abenteuer, bei dem sich ärgerlicherweise nicht ein einziges Gespenst gezeigt hatte, viel zu spät nach Hause kam. "Ich habe doch gesagt, diese Göre ist nichts für dich. Such dir endlich eine anständige Freundin. Eine richtige."  

Eine richtige, allerbeste Freundin, eine für immer. Oh ja. Nichts lieber als das. Hannah sehnte sich längst mit allen Fasern danach. Nach einem Mädchen, bei dem sie sich nicht zu verstellen brauchte, bei dem sie einfach sein durfte, wie sie war. Und auch diese Freundin sollte sein dürfen, wie sie war. Höchste Zeit, sie endlich, endlich zu finden.

Zum Schluss noch ein paar Informationen zum Thema Persönlichkeitsrechte. Die sind nach meiner Erfahrung immer noch recht dünn gesäht im Netz und in der Literatur. Zumindest finde ich keine eindeutigen Aussagen, die mir Sicherheit geben. Zum einen ist von dem Recht zu lesen, über das eigene Leben zu schreiben, und das steht nun einmal im Kontext zu anderen Menschen. Zum Anderen ist Datenschutz ein hohes Gut und Persönlichkeitsrechte werden spätestens seit dem Caroline-Urteile zunehmend ernster genommen. Darin geht es zwar um das Privatleben von Prominenten, das nicht ungestraft einfach in Bild und Wort ausgebreitet werden darf, doch Rückschlüsse auf "normale Menschen" sind durchaus sinnvoll. Autoren und Autorinnen sollten also weise überlegen, was sie tun, und sich sicherheitshalber von einem Medienanwalt beraten lassen. Eine Freundin tat das und bekam den Rat: "Verzichten Sie lieber auf eine Veröffentlichung. Das und das sollten Sie besser nicht schreiben - ohne Genehmigung der Beteiligten." Die wiederum war schwierig zu bekommen und so blieb von ihrer Idee, über alte Lübecker Geschäfte zu schreiben, nicht viel übrig. Dass die Erben zu befragen sind, wenn der zu Beschreibende bereits verstorben ist, macht die Sache nicht einfacher. Die muss man erst einmal entdecken. Nur über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens darf man offenbar so ziemlich alles schreiben, aber die kommen in meiner Biografie kaum vor.

"Je weniger prominent ein Mensch ist, desto stärker ist im allgemeinen sein Anspruch darauf, eben nicht in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden", schrieb ein befreundete Autor über Facebook. "Der einzige sichere Ratschlag kann nur sein, Betroffene um Erlaubnis zu fragen." - Schwierig, schwierig! Ich bin selbst gespannt, wie ich das für mich lösen werde. Aber ich werde es lösen ...!

Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

Samstag, 22. Mai 2021

Offenheit, Tabus und Persönlichkeitsrechte in der Biografie

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

"Ich finde Deine Offenheit sehr gut. Meiner Ansicht nach kann man gar nicht zu offen sein. Alle Menschen haben ihr Päckchen zu tragen. Haben Ängste und Sorgen. Aber diese verstecken wir gerne. Danke Dir." Das schrieb ein Leser zu meinem gestrigen Post. Der war übrigens seit Bestehen des Blogs der bisher meistgelesene Beitrag. Ein Blog, der, wie die Statistik-Funktion zeigt, in mehr als zehn Ländern dieser Erde gelesen wird. Da kann man ja schon von Öffentlichkeit reden. Ehrlich gesagt, war ich ein bisschen in Sorge gewesen, ob ich vielleicht einfach zu öffentlich gewesen war, mich zu sehr seelisch entblößt hatte. Andererseits, ich bin nun einmal ein frei denkender Mensch und ich mag Menschen, die sich zeigen, wie sie sind. Ich finde, wir können viel mehr voneinander lernen, wenn wir uns nicht ständig verstecken und so tun würden, als wären wir nicht der oder die, die wir wirklich sind. Das fliegt auf die Dauer eh auf. Tabu-freies oder zumindest tabu-armes Schreiben sind für mich gutes und authentisches Schreiben, das die Leser und Leserinnen unterhält. Solch ein Schreiben ist echt.

Einfach fließen lassen - ehrlich und authentisch ...

Ich habe also beschlossen, meine Geschichte für euch so ehrlich wie möglich zu schreiben. Das darf ich zum Glück auch. Es ist ja meine eigene Geschichte. Anders sieht es mit den Personen aus, die darin vorkommen. Deren Geschichte darf ich nämlich nicht einfach so veröffentlichen ohne deren Einverständnis. So verändere ich also erst einmal Namen und Umstände und Orte, wo mir das sinnvoll erscheint, um diese Menschen möglichst unkenntlich zu machen. Und wo es allzu prekär wird, werde ich mich wohl auf kurze Andeutungen und Zusammenfassungen beschränken müssen, was meine Mitmenschen angeht, oder manches einfach weglassen. Das Verständnis muss gewahrt werden, doch der Schutz dieser Menschen ist mindestens ebenso wichtig. Leider  muss ich davon ausgehen, dass meine verflossenen Ehemänner ihr Sein und Werden nicht unbedingt gedruckt sehen möchten. Jedenfalls nicht, ohne jeden Text, in dem sie vorkommen, gegengelesen und genehmigt zu haben. Dazu müssen sie aber Lust, Interesse und Zeit haben. Und auch Mut. - Andererseits, wie soll ich die Geschichte eines Mädchens erzählen, das unbedingt heiraten soll, als Ehefrau dreimal ihr Glück sucht und versagt, ohne die Männer zu erwähnen, die mit ihm die Ringe tauschten?! Eine Gratwanderung! Sollte in dieser Hinsicht jemand von euch gute juristische Tipps haben, bitte immer her damit. Vielleicht sollte ich auch unter Pseudonym schreiben? Na, zu spät ...! Imerhin habe ich inzwischen das Genre meines Buches neu festgelegt: Es wird kein Memoir. Es wird keine Autobiografie. Es wird ein autobiografischer Roman. In drei Teilen. Eine BioTriLogie. Das meiste darin stimmt, aber eben nicht alles.

In Hannahs Geschichte bin ich im Rahmen dieses Blogs noch in der Phase von Kindheit und Jugend. Meine Eltern leben nicht mehr und bisher kam niemand vor, der sich falsch beschrieben gefühlt haben und beschweren könnte. Also erzähle ich euch jetzt mal, wie es weitergeht. Hannah, ihr werdet euch erinnern, durfte nicht das Lyzeum besuchen, obwohl Fräulein Voss es empfohlen hatte und obwohl sie es so sehr gewollt hatte. (Eine etwas ausführlichere Zusammenfassung von dem, was bisher geschah, findet ihr hier.) Die Familie war inzwischen in eine größere Wohnung gezogen, in den Essener Norden. Dort gab es:

Eine Schule nur für Mädchen
Die Ferien waren vorüber. Der Alltag an der Mädchenrealschule Essen-Borbeck hatte begonnen. Anders als in der Volksschule gab es hier keine Jungen. Stattdessen bekam Hannah aufregende, neue Schulfächer, wie Englisch, Physik oder Biologie. Rechnen hieß auf einmal Mathematik. Chemie kam erst etwas später dran. Und auch auf den Französisch-Unterricht, von dem Mutti so begeistert gesprochen hatte, musste sie bis zur siebten Klasse warten. 

Eines unvergessenen Tages kam ein gewisses Fräulein Stürmer in die Klasse geeilt. „Bon jour, des jeunes filles“, grüßte sie. Das bedeutete wohl so was wie „Guten  Morgen, junge Damen“. Und dann sagte sie einige Sätze, die Hannah nicht verstand, in der neuen Sprache. Mutti hatte ja so Recht gehabt. Hannah liebte diese elegante französische Melodik vom ersten Tag an. Sie freute sich über jede neue Vokabel, über jede Abbildung im Schulbuch, über jede gute Note. Überhaupt lernte sie wie ein trockener Schwamm, der sich voll Wasser sog. Begeistert. Unersättlich. Sie tat das von Montag bis Samstag, denn noch immer war der Sonnabend nicht unterrichtsfrei. Und noch etwas blieb zunächst einmal bestehen: In den Pausen auf dem Schulhof stand sie abseits, allein. Das war traurig, aber so schlimm auch wieder nicht, solange sie nur lernen und sich ausprobieren durfte.

Im Laufe der nächsten Zeit fand Hannah immer mehr heraus, was ihr lag und was nicht. Mathematik und Physik fielen ihr vergleichsweise schwer. Sprachen lagen ihr sehr. Im Kunstunterricht verbrachte Hannah ihre schönsten Schulstunden. Die Schülerinnen emaillierten eine kleine, rechteckige Kupferscheibe und beklebten damit ein Holzkistchen, das mit Palisanderfurnier sorgfältig ummantelt wurde. Sie stellten Wachspapier her und gestalteten damit ein kleines, selbst gebundenes Fotoalbum, in das Hannah später Fotos von Gerald kleben würde, von dem hier noch die Rede sein wird. Und eines Tages kam Hannah zum ersten Mal mit Ton in Berührung und töpferte, absolut begeistert von diesem Material, einen lebensecht wirkenden Babyelefanten, ohne auch nur zu ahnen, welche Bedeutung diese spontane Liebe zum Ton noch für sie erlangen würde. Schließlich zeichneten die Mädchen mit Hilfe von Spiegeln ihre Gesichter und porträtierten wenig später einander mit dem Zeichenstift. Hannah fand das faszinierend. Malen und Zeichnen begeisterten sie. Und je nach Thema machte es besonders viel Spaß.

Ein Höhepunkt war die Aufgabe, ein Bild von Robinson Crusoe‘s Papagei zu malen, mit Deckfarben. Schon das Vorzeichnen machte Hannah glücklich, erst recht aber, die entstandenen Flächen mit satt-bunten Farben zu füllen. Die sich entfaltende Atmosphäre passte sehr gut zu ihrer Sehnsucht nach Sonne, Wärme und üppig tropischem Grün und Bunt. Das Bild gelang ihr so gut, dass es zu ihrem Stolz im Schaukasten landete und dort hing, bis es irgendwann durch das Bild einer anderen Schülerin ersetzt wurde. Fortan wartete sie auf die Rückgabe ihres Bildes. Und wartete. Und wartete. Endlich fragte sie Frau Bahde, ihre freundliche, kleingewachsene Kunstlehrerin, nach dem Verbleib. „Ich schau mal nach“, sagte sie. Doch das Bild war und blieb verschwunden. Es musste jemandem ganz besonders gut gefallen haben. Ob dieser Jemand geahnt hatte, wie gern Hannah später noch einmal einen Blick darauf werfen würde ...? 

Es war keine Frage, dass Hannah auch Musik liebte. Nicht aber den Musikunterricht. Nach einem kurzen, peinlichen Vorsingen vor der ganzen Klasse im Musikraum, neben der Lehrerin am Klavier stehend, wie die anderen Mädchen, die vor und nach ihr an der Reihe waren, landete Hannah im Schulchor. Zu ihrer Enttäuschung ordnete die Lehrerin sie dem Alt zu. So ein Mist! So viel lieber hätte sie die erste Stimme gesungen. Es schien ihr Schicksal zu sein, dass sich die meisten ihrer Wünsche nicht erfüllten. Doch manchmal gab es auch so etwas wie Glück.

Es war wohl im achten Schuljahr, da geschah etwas Einzigartiges: Hannah durfte im Erdkundeunterricht selbst eine komplette Schulstunde zum Thema Tundra und Taiga abhalten. Indem sie tatsächlich aufzeigte, als Frau Walter fragte, wer dazu bereit sei, wuchs sie, das schüchterne Mädchen, über sich selbst hinaus. Fast alle hatten ein bisschen Angst vor der gestrengen Lehrerin, die Hannah unvergessen bleiben würde, seit sie im Erdkunderaum aufs Pult gestiegen war und mit ihren Schnürschuhen mit den weichen Kreppsohlen vorführte, wie man die Füße beim Gehen auf gesunde Weise abzurollen hatte. Viel größer als die Angst vor ihr und die Furcht, sich zu zeigen und womöglich zu versagen, war der Wunsch, vor der Klasse zu stehen, einmal wirklich gesehen zu werden. Ein einziges Mal wollte sie das Sagen haben, etwas genau so tun, wie sie das wollte, und damit die Anerkennung ihrer Lehrerin und ihrer Mitschülerinnen gewinnen. Es kam zu einem Stechen, weil eine Mitschülerin und sie um diese Ehre buhlten.
“Also gut“, sagte Frau Walter, „wer die Lernkarte mit dem Begriff Tundra zieht, darf die Stunde halten.“ Mit einigen gefächert gehaltenen Karten kam sie auf die Mädchen zu. Mit Argusaugen entdeckte Hannah sofort die winzige Überschrift auf der Rückseite, an die Frau Walter wohl nicht gedacht hatte, deutete auf die richtige Karte, bekam den Zuschlag und erlebte bald darauf zu ihrem ungläubigen Staunen, dass ihre Mitschülerinnen ihrer Stundengestaltung willig folgten. Als es zum Stundenende klingelte, war sie stolz und erschöpft zugleich. Danach versank sie wieder in der vermeintlichen Unsichtbarkeit.

Na ja, fast. Einmal fiel sie noch auf. Das hatte mit Herrn Binser zu tun, den die Mädchen eine Zeitlang in Deutsch und Geschichte hatten und als mindestens ebenso streng galt wie Frau Walter. An ihm war ein General verloren gegangen. Wenn die Schülerinnen allzu schläfrig und desinteressiert im Unterricht saßen, rief er jedes Mal: „Ihr sitzt ja da wie die Ölgötzen! Was seid ihr denn für Schlafmützen ...?! Also, alle aufstehen. – Uuund setzen! Und aufstehen! Setzen! Aufstehen! Setzen ...!“ Danach waren alle wach, zumindest für den Moment. Viele ihrer Mitschülerinnen stöhnten ob dieser Behandlung, aber Hannah fand das irgendwie lustig und auch sinnvoll. Und nachdem Herr Binser ihr in einem Aufsatz eine eins gegeben hatte – eine Note, mit der er gewöhnlich äußerst sparsam war – hatte er ihr Herz vollends gewonnen. 

In Mathe und Physik brachte Hannah es immerhin noch auf eine Drei. Im Sportunterricht dagegen war sie nach wie vor eine Nulpe. Das betraf den Sport in der Halle ebenso wie den auf dem Platz. Beides war der reinste Horror für sie. Wie ein nasser Sack hing sie am Barren. Beim Sportfest errang sie nicht einmal eine kleine Urkunde, geschweige denn eine große. Sie konnte weder schnell rennen noch weit springen. Bei der Landung beim Weitsprung fiel sie natürlich nach hinten, plump wie ein Nilpferd, und büßte damit wertvolle Zentimeter bei der Messung einbüßte. Beim Weitwurf kugelte sie sich fast den Arm aus vor Anstrengung. Blöderweise warf sie eher in die Höhe als in die Ferne. Und die Höhe wurde nun einmal nicht gemessen.
So gewöhnte sie sich immer mehr daran, nicht nur eine von den Stillen, sondern auch eine von den Langsamen zu sein, und machte es sich bequem in dieser Rolle. Nur einmal musste sie, gehetzt wie ein junges Reh, in der Halle ebenso schnell laufen wie die anderen, denn die Mädchen liefen in zwei Kreisen – gegenläufig. Bei dieser Gelegenheit lief eines der Mädchen in Hannah hinein. Hannah sah Sterne wie Donald Duck in ihren geliebten Comics, wenn er wieder einmal eins über die Rübe bekommen hatte. Hölle, tat das weh! Den Rest der Stunde durfte sie auf der Schwebebank am Rand verbringen. Diese Sonderrolle gefiel ihr. Sie ruhte sich aus, kam sich ein wenig wichtig vor, massierte ihren Bauch und beneidete wieder einmal Bärbel. Bärbel  war ein As im Sport. Sie sprang wie ein Flummi, sie wirbelte die Geräte rauf und runter, sie rannte, als hätte sie eingebaute Siebenmeilenstiefel und natürlich bekam sie eine große Urkunde – jedes Mal.

Ihr fragt, wer Bärbel ist? Sie würde zu einem der wichtigsten Menschen in Hannahs Leben werden. Mehr dazu beim nächsten Mal.


Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

Freitag, 21. Mai 2021

Schicksalhafte Gründe, meine Biografie zu schreiben

Der Weg durchs Leben - einzigartig auch bei Dir!

 

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

Ich glaube, ich war vierzig, als ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdachte, eine autobiografische Geschichte zu schreiben. Damals hatte ich wegen diffuser Beschwerden gerade meine erste psychosomatische Reha hinter mich gebracht, bei der ich mich, als treue Ehefrau eigentlich völlig untypisch für mich, in einen anderen Mann verliebt hatte. Neunzehn Jahre älter als ich, angesehener Bürger seiner Stadt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Wenig später schlug das Schicksal auf grausame Weise zu: Meine Schwester fiel ins Koma und mein Erstgeborener erkrankte an Krebs. Oh Gott! War das etwa meine Strafe? Hatte ich genau das verdient, weil ich so treulos meinen Sehnsüchten gefolgt war? - Völlig verrückt. Natürlich nicht! Was für ein vermeintlich guter Gott würde sich so etwas Perfides ausdenken. Der etwa, an den ich damals, da ich einer offenbar deutlichen Fügung gefolgt und Mitglied einer freikirchlichen Gemeinde geworden war, heftig glaubte - was sich übrigens bald ändern sollte.  

Mein Sohn überlebte. Er würde sein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen sein und seine Begleitung würde mich noch viel Kraft kosten, aber mir auch so manche Freude und Einsicht schenken. Meine Schwester überlebte nicht. 

Jahre vergingen. Inzwischen war ich zum dritten Mal verheiratet und mit knapp 60 Jahren - in meinem dritten Beruf - endlich bei mir angekommen. Die Drei - meine Glückszahl? So gern wollte ich daran glauben. Als freie Journalistin ging es mir gut. Ich gab Kreativkurse, fand Anerkennung, hatte viele Freundinnen und einen gutaussehenden, hochintelligenten Mann, den ich bei seinen Tagungsreisen begleiten durfte und an dessen Seite sich mein Horizont enorm erweiterte. Ich hatte sehr viel Zeit für mich. All das genoss ich zwar, aber vermutlich nicht bewusst und dankbar genug. Als dieses Leben, das mir so gut gefiel, völlig unerwartet ein Ende nahm, dachte ich zunächst: Jetzt ist alles aus. Jetzt kann ich nur noch sterben. Niemals zuvor hatte ich mich so elend und alleingelassen gefühlt. Und plötzlich uralt ...!

Aber natürlich ging es weiter. Wozu war ich eine Kämpferin. Und ich hatte ja ein wunderbares Ventil für alle Nöte: mein Schreiben. Immer wieder hatte ich in belastenden Situationen zum Tagebuch gegriffen, hatte begeistert Morgenseiten nach Julia Cameron verfasst, hatte mir all meinen Kummer, meine Sorgen, Ängst, Fragen von der Seele geschrieben. Und gewonnen dabei. Immer wieder fand ich neuen Lebensmut, immer wieder eine Perspektive, einen neuen Hoffnungsschimmer, der zuweilen dermaßen zu strahlen begann, als sei gerade die Sonne aufgegangen. Auch wenn der nächste Schatten nicht weit war. War das alles nicht Grund genug, über mein Leben zu schreiben? Doch, das war es. Und so schrieb ich endlich los.

Mit der Zeit kamen über 1.000 Seiten zusammen. Viel zu viel, dachte ich, begann zu kürzen, ergänzte, hatte plötzlich noch mehr Seiten und beschloss eines Tages,  eine Trilogie aus meinen Erinnerungen  zu machen. So was hat es meines Wissens noch nicht gegeben. Vermutlich würde sich kein Verlag darauf einlassen, aber ich möchte ja ohnehin aufs E-Book setzen. Was sonst noch alles passierte beim Schreibprozess, werdet ihr in weiteren Blogbeiträgen erfahren. 

Erst bei der gefühlt zehnten Überarbeitung dessen, was da schon stand, beschloss ich übrigens, aus der Ich-Perspektive in die 3. Person zu wechseln. Um ein wenig mehr Abstand zu gewinnen. Um mein Leben aus einer anderen Warte zu betrachten. So entstand Hannah. Aus deren Geschichte gibt es nun einen weiteren Auszug. Und da wir ja eben noch beim "guten Gott" waren, passt dieses Kapitel hier, wie ich finde, ganz prächtig: 

Das Christkind und andere Wunderwesen 

Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Das war der Trauspruch ihrer Eltern gewesen. Liebe war also ganz wichtig und Mutti, Papa und ihre Geschwister hatte Hannah wirklich sehr lieb. Nur das Christkind und die lieben Engelein liebte sie noch kleines bisschen mehr. Zu gern wäre sie ihnen einmal begegnet. Einmal hätte es fast geklappt. Es war in der Adventszeit. Eines Abends trat Mutti ans Wohnzimmerfenster, zog die Gardine zurück und sah hinaus. „Der Himmel ist ganz rot“, sagte sie, „guckt mal. Das ist so, weil die Engel gerade Plätzchen backen.“
"Wirklich?!" Hannah presste, Seite an Seite mit ihren Geschwistern, ihre Nase an die Fensterscheibe und starrte hinaus. Tatsächlich, feuerrot. Das mit den glühenden Backöfen hinter den Wolken konnte sie sich sehr gut vorstellen. Und während sie das tat, bekam sie einen unbändigen Appetit und fragte nach den Keksen, die sie gemeinsam am Vormittag gebacken hatten und die nun in Blechdosen auf ihren Verzehr warteten."Na gut, Papa gibt euch einen." Hannah verließ freudig ihren Fensterplatz, Mutti blieb stehen. Doch schon bald kam der nächste Ausruf: „Schaut mal, da oben fliegt das Christkind vorbei!!!“
Was? Das war das Aufregendste, was Hannah jemals gehört hatte. „Wo?“, schrie sie und stürzte zurück ans Fenster, ein Nussplätzchen in der Hand.
„Am Himmel, ganz da hinten.“
„Aber wo denn? Ich kann es nicht sehen!“ Ihr Herz klopfte wild, ihre Wangen glühten.
„Oh, schade, jetzt ist es weg.“
Hannah hätte sich ohrfeigen können, dass sie nicht schnell genug gewesen war. Nur eine Sekunde vielleicht hatte sie davon getrennt, dieses wunderbare, geliebte Wesen betrachten zu dürfen, von dem sie schon so viel gehört hatte. Das all die schönen Sachen unter den Weihnachtsbaum legte und auch den so herrlich leuchtenden Baum gleich mitzubringen pflegte. Das sich furchtbar anstrengen musste, um wirklich alle Kinder auf der Welt zu bedenken. Hannah sah in den noch immer roten Abendhimmel und versuchte verzweifelt, sich vorzustellen, wie das heilige Kind wohl ausgesehen haben mochte und wie es jetzt in den nicht sichtbaren Gefilden des Himmels davonschwebte, um das Weihnachtsfest vorzubereiten. Ob es zurückgeguckt und sie gesehen hatte? Ob sie erst so groß werden musste wie Mutti, um es einmal sehen zu können ...? 

Hannah seufzte tief. Mit dem lieben Gott war es ja genauso. Den hatte sie auch noch nie gesehen. Aber sie war froh, dass es ihn gab. Sie konnte ganz gut allein sein, aber manchmal war es einfach gut, einen Freund zu haben, der immer da war, wenn man ihn brauchte. Das Christkind war ganz wichtig, aber eben nur zu Weihnachten. Der liebe Gott aber war das ganze Jahr über da. Hannah stellte sich ihn in einem bodenlangen Gewand vor, mit weißen Haaren, langem weißen Bart vor und gütigen Augen. Sie war heilfroh, dass der Teufel keine Chance haben würde, sie zu holen, solange der liebe Gott auf sie aufpasste. Das Dumme aber war: Das tat der nicht einfach so.
„Man muss jeden Tag beten“, behauptete Mutti, „sonst ist der liebe Gott enttäuscht und vergisst dich.“
Das wollte Hannah auf keinen Fall. Zum Glück betete sie zweimal täglich. Vorm Mittagessen sprach die ganze Familie im Chor: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns aus Gnaden bescheret hast. Amen.“ Zum Frühstück, Kaffeetrinken oder Abendbrot wurde nicht gebetet. Das mittägliche Tischgebet wurde eher heruntergeleiert als inbrünstig gesprochen, aber weglassen durfte man es keinesfalls. Erst bei einem Besuch bei Muttis Cousin Hans-Günter und dessen Frau Anneliese in Wuppertal würde Hannah erfahren, wie man solch ein Gebet mit Pathos und Würde und Liebe sprechen konnte – und zwar zu jeder Mahlzeit. Das beeindruckte sie sehr. Was Gnade war, verstand Hannah überhaupt nicht, aber das war wahrscheinlich auch nicht so wichtig. Abends betete sie, im Bett mit gefalteten Händen und fest geschlossenen Augen auf dem Rücken liegend, fast so inbrünstig wie Onkel Hans-Günther in Muttis Beisein: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den  Himmel komm.“ Leider wusste sie auch nicht, was fromm bedeutete. Als sie größer wurde, dachte sie sich selbst etwas aus und betete allein und im Stillen. Dabei versuchte sie getreulich, alle ihre Lieben in ihre guten Wünsche einzubeziehen, und als sie nach einer Weile befürchtete, dass das vielleicht auch noch zu wenig sein könnte, bezog sie die ganze Welt in ihr Gebet mit ein.
Am Sonntag schickte Mutti, die in Wuppertal-Elberfeld aufgewachsen war, wo es neben Hans-Günter und Anneliese noch viele andere fromme Menschen gab, ihre drei Kinder zum Kindergottesdienst ins Weigele-Haus, benannt nach dem jungen Pfarrer Wilhelm Weigele, der 1893 in die Essener Altstadtgemeinde gekommen war. Dort oblag ihm die Betreuung des evangelischen Männer- und Jünglingsvereines, die er im Laufe der Zeit auf Angebote für Mädchen und Frauen ausweitete.
Das Weigele-Haus war ein beeindruckend großer Kasten mit vier Etagen, das Dach nicht mitgerechnet, und mit sehr vielen Fenstern. Es hatte keinen Kirchturm und war doch so etwas wie eine Kirche. Im großen Gottesdienstraum und in den kleinen Nebenräumen für die Kinder wurde von Jesus Christus erzählt. Dass dieser arme Jesus am Kreuz hängen musste, fand Hannah ganz schrecklich. Zum Glück gab Bärbel, die Kindergottesdiensthelferin mit dem dicken, blonden Zopf, die fast so nett war wie Fräulein Vogt, den ihr anvertrauten Kindern immer etwas zu malen oder zu basteln, erzählte schöne biblische Geschichten, wobei Hannah die von Jona im Bauch des Fisches am besten gefiel, und sang und lachte mit mit ihnen. So ging Hannah gern ins Weigele-Haus. Blöd war nur die Sache mit dem Groschen, den jedes Kind in die Hand gedrückt bekam, bevor es in den Gottesdienst ging, manchmal mit Mutti und Papa, manchmal ohne sie, weil sie endlich einmal ein wenig allein sein wollten.
„Aber nicht verlieren, hört ihr!!“ Muttis Stimme klang wieder einmal streng.
Hannah hätte ihren Groschen zu gern in ihre Sparbüchse geworfen, aber das ging natürlich nicht. Die Münze war für den samtenen Klingelbeutel mit den schimmernden Fransen bestimmt und das Geld wurde eingesammelt, bevor die Kinder den großen Raum verlassen durften. Bis dahin hielt sie ihr Zehnpfennigstück umklammert. War es endlich im Beutel gelandet, schnupperte sie an ihrer Hand, jedes Mal. Sie roch ekelig. Sie hätte den Groschen eben doch lieber in ihre Büchse werfen und ihn gegen einen Knopf aus Muttis Kiste eintauschen sollen, aber das ging auch nicht, denn dann hätte der liebe Gott sie bestimmt nicht mehr gern gehabt und dann würde der Teufel mit Flammen und Schwefel aus der Hölle nach oben fahren und sie mitnehmen. Viel zu gefährlich! Wenn das nicht lebensgefährlich war, was dann ...
Wenn Mutti und Papa mit zum Gottesdienst kamen, sangen sie die Lieder laut mit. Mutti sang gern und Papa hatte eine tolle Tenorstimme, mit der er manchem Chor zur Ehre gereicht hätte. „So nimm denn ihre Hände“ war Muttis Lieblingslied. Papa sang auch gern, nur nicht gerade Kirchenlieder. Er kam trotzdem ohne zu murren mit, weil er einfach gern tat, was Mutti wollte, und wohl auch, weil er wusste, dass der liebe Gott so wichtig für Mutti gewesen war damals im Krieg, als  alles so schlimm war, aber das würde Hannah erst später klar werden. Dass die katholische Kirche Papa hinausgeworfen hatte, als er Mutti heiratete, weil sie evangelisch war, würde sie allerdings niemals verstehen. Dabei hätte sie so schrecklich gern Antwort auf all ihre Fragen gehabt, einfach alle.

Das, was ihr gerade lesen konntet, hat sich übrigens in mein Gedächtnis eingegraben. Ein Tagebuch besaß ich als Kind nämlich nicht. Dabei hätte ich gern eines gehabt. Eines mit einem großen goldenen Schloss zum Abschließen, einer Prinzessin würdig. Aber ich bekam keines. Ob ich vergessen hatte, mir eines zu wünschen? Hatte ich nur insgeheim davon geträumt? Hätte zu mir gepasst. Heute erst weiß ich, dass so was selten funktioniert. 

Bis bald sagt eure

 Sigrid Ruth  

* Inzwischen sind Ebook und Taschenbuch verfügbar. Hier geht's direkt zur Leseprobe. Einfach links auf die drei Querstriche  und dann auf Hannah klicken. Viel Spaß beim Eintauchen in eine fast vergessene Zeit! :-)

Donnerstag, 20. Mai 2021

Biografie als E-Book selber schreiben - per Prolog Leser halten

                                                                      Eine Ahnung von dem, was kommt ...

 

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!
Wer Leser sucht, muss sein Buch veröffentlichen und Aufmerksamkeit erzeugen. Wenn du deine Autobiografie als E-Book publizieren möchtest, bist du frei und nicht an die Bewertung der Verlage gebunden. Das bedeutet: Du kannst dafür sorgen, dass dein Buch in jedem Fall erscheint. Mit viel Eigeninitiative und Social Media wirst du danach versuchen, es bekannt zu machen. Hat dein E-Book tatsächlich erste Leser gefunden, helfen dir deren begeisterte Empfehlungen weiter, deine Biografie weiter zu verbreiten und zu verkaufen. Jeder Daumen hoch ist Gold wert. Aber wie einsteigen, damit Leser und Leserinnen schnell Blut lecken und dran bleiben anstatt sich allzu bald anderen Autoren und deren Werken zuzuwenden? Ein gut gemachter Prolog, der andeutet, in welche Richtung sich das Buch entwickeln wird, ist eine wunderbare Chance, um schon im Vorwort Interesse und Spannung zu erzeugen. 

Hannahs Geschichte beginnt mit ihrer Geburt. Wie sie aufwächst und erzogen wird, ist wichtig, um zu verstehen, wie das Mädchen, das unbedingt heiraten sollte, auf einmal mit sechzig Jahren kurz vor der dritten Scheidung stehen kann. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie völlig allein, auf sich gestellt. Wie kommt sie da bloß wieder raus? - Der Prolog zeigt, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln könnte. Man wird  aufmerksam, befindet sich mit einem Mal in diesem wohligen Zustand gespannter Erwartung, in dem man unbedingt weiterlesen möchte. Und das ist gut so ...!

Prolog
Kürzlich hatte auch in der kleinen Stadt mitten in Schleswig-Holstein endlich eine Bücherzelle Einzug gehalten. Postgelb stand sie da, in einer ruhigen Ecke der Fußgängerzone. Der Eröffnung war Hannah, die Bücher fast mehr als Menschen liebte, ferngeblieben – in ihrer zugegebenermaßen reichlich miserablen Lage war ihr nicht so nach fröhlichen Menschen gewesen. Fast sechzig Jahre alt und verdammt ungewohnt allein zu sein, nahm ihr fast allen Lebensmut. Doch in all ihrem Kummer spürte sie noch ein paar Funken, die sehnsüchtig darauf warteten, neu entzündet zu werden. Dieser nicht klein zu kriegende Überlebenswille und dieses wunderbare Quäntchen Trotz. Bücher waren treue Freunde. Bücher hatten ihr schon so oft weitergeholfen. Und die neue gelbe Zelle war immerhin ein kleiner Lichtblick. 


Hannah ging hin und begann zu stöbern. Meistens gleich in der Früh oder zur Mittagszeit, da war es ruhiger. Sie entdeckte Konsalik und Cecilia Alern, Psychoratgeber und überalterte Reiseliteratur, Science Fiction und Kinderbücher. Alles nichts Besonderes. Doch dann, an einem Freitagmorgen, fand sie einen Schatz. Aufgeregt stand sie da, den soeben ergatterten Sammelband der Wochenschrift für die weibliche Jugend an die Brust gedrückt, überzeugt, dass dieses Buch für sie bestimmt war und nur für sie, geschickt von einem ihr wohlgesonnenen Universum. Weinroter Einband, altdeutsche Schrift, vergilbtes Papier – gesammelte „Mädchenpost“ aus dem Jahr 1923, dem Geburtsjahr ihrer Mutter. Das musste etwas zu bedeuten haben. Sie beschloss, das Fundstück auf dem schnellsten Weg nach Hause zu bringen, um sich hineinzuvertiefen, und während sie ging, sah sie ihre Mutter vor sich, mit den brünett gefärbten Haaren, in denen ein Haarteil erste kahle Stellen kaschierte, dem allzu runden, ein wenig teigigen Gesicht und dem fröhlich-gackernden Lachen, das ihre Leiden Lügen strafte. Eine Welle der altbekannten Hassliebe überspülte Hannah und wie immer bekam sie sofort ein schlechtes Gewissen. Ihre Mutter war schon seit vielen Jahren unter der Erde. Ihr Grab auf dem Essener Ehrenfriedhof war wohl längst eingeebnet worden – Hannah war ewig nicht dort gewesen. Viel zu selten konnte sie voller Liebe an ihre Mutter denken. Immer war da diese Barriere. Doch in diesem Moment, das alte Buch in der Hand, fehlte sie ihr und sie war bereit, für einen Moment zu vergessen, dass es im Grunde ihre Mutter war, der sie es zu verdanken hatte, dass sie wieder einmal einer Scheidung entgegensah. Ihrer dritten. Und alles nur, weil Mutti in ihrer gnadenlos altmodischen Einstellung Fräulein Vogt, Hannahs Grundschullehrerin, gesagt hätte, dass Hannah nun mal ein Mädchen sei und dass sie ... Grrrrhhh! Sie durfte gar nicht daran denken. Es machte sie so wütend. Immer noch und immer mehr ...

Unausgepackte Kisten und ein Gefühl latenter Überforderung empfingen Hannah, als sie die Tür ihrer hübschen Dreizimmerwohnung aufschloss. Sie streifte die Schuhe ab, warf ihre Daunenjacke über die uralte Truhe, die Maltes Mutter ihr geschenkt hatte, goss in der kleinen Küche kochendes Wasser über einen Beutel Yogi-Tee und trug Becher und Buch ins Wohnzimmer. Sie atmete ein paarmal tief ein und aus. Mitten im Chaos sah immerhin dieser Raum bewohnbar aus. Durch große Fensterscheiben fiel das Sonnenlicht aus zwei verschiedenen Himmelsrichtungen herein. Freundinnen hatten ihr geholfen, ihre Bücherschätze in das über Eck gebaute Billy-Regal nebst Aufsätzen einzuräumen, das raumhoch und stramm gefüllt die gesamte Wand hinter ihrem Schreibtisch einnahm. Bücher waren Hannahs Leidenschaft. Schon als Kind hatte sie begonnen, von einer Privatbibliothek zu träumen. Malte, künftiger Exmann Nummer drei, wusste das. In seinem Abschiedsbrief hatte er, großzügig wie immer, versprochen, sie finanziell so weit zu unterstützen, dass sie sich eine ausreichend große Wohnung würde leisten können, für sich und all ihre Bücher. Ach, Malte! Sehnsuchtsvoll sah sie ihn vor sich, mit seinem störrischen, rotblonden Haar und seinen großen, bernsteinfarbenen Augen, seinem Dreitagebart und dem jungenhaften Lachen. Wie sehr sie ihn und ihr altes Leben vermisste ...!
Seufzend ließ Hannah sich in ihren geliebten Lesesessel fallen. Das überaus bequeme Teil war ein Geschenk ihrer Schwiegermutter, die es liebte, anderen Menschen eine Freude zu machen. „Solch ein Sessel ist wunderbar für den Rücken“, hatte sie behauptet, „und für die Nerven. Und ich muss schon sagen, meine liebe Hannah, für deine Nerven solltest du etwas tun ...!“
Wie recht Schwiegermama hatte mit ihren inzwischen neunundachtzig Jahren. Hannah stellte den Tee, Marke „Frauenglück“, in Reichweite, kippte die Lehne des Sessels nach hinten, schlug den Sammelband auf, legte die Füße auf den zum Sessel gehörigen Schemel und begann erwartungsvoll zu blättern. Herrlich! Zum ersten Mal in einem neuen Buch zu lesen, war stets wie ein Rendezvous für sie.
Zehn Minuten später hatte ein Beitrag mit dem Titel „Mädchenträume“ sie gefangen genommen. Eine gewissen Loni Lauxmann-Kinzelmann hatte ihn verfasst. Hannah tippte den Namen in ihr Smartphone ein und fand heraus, dass die Dame erfolgreich Groschenromane verfasst hatte. Romane, wie ihre Mutter sie geliebt hatte. Sie hob den Blick und glaubte mit einem Mal, auf dem blauen Sofa ihr gegenüber, über das sie in akkuraten Abständen Fotos von New York und von der Donau-Kreuzfahrt mit Malte gehängt hatte, ihre Mutter sitzen zu sehen, spürte ihren Blick auf sich ruhen, aus großen Kornblumenaugen, die den ihren so ähnlich waren, mit dieser charakteristischen Mischung aus Humor, Ironie und Traurigkeit. Und dann las sie endlich, was diese Loni vor rund hundert Jahren geschrieben hatte, für junge Mädchen, wie Hannah selbst und ihre Mutter es einst gewesen waren:

„So werden aus Kindern auf einmal junge Mädchen und sie schauen ins Leben, das ihnen so schön und verlockend erscheint, und nehmen ihr ganzes sorgloses Kinderlachen und ihren leichten Kinderschritt und springen in dieses Unbekannte hinein. – Vor ihnen liegt die Zukunft, und die glück- und schönheitsuchenden Herzen bauen sich eine goldene Brücke voll rosenroter Träume, deren Ziel bis in die Sterne reicht. Und diese Sterne, die doch da oben so fest stehen, wollen sie  mit all ihren Träumen herunterholen. Und glauben das so fest, sie könnten das mit ihren zarten Kinderhänden, und wissen nicht, dass das schon so viele nutzlos versucht haben ... Die Jahre gehen, eins nach dem anderen entgleitet den schmalen Mädchenhänden und mit ihnen einer der Träume. –-- Und dann treten sie in die Ehe!! --- nehmen den letzten Rest ihrer Mädchenträume mit und wissen nicht, dass sie die auch hergeben müssen. – Sie weinen vielleicht diesen törichten Träumen noch ein paar Tränen nach, bis – sie erst im Arm ihr Kind halten. – Dann stehen sie auf einmal über all diesen Mädchenträumen und lächeln nur klug und überlegen, wenn sie daran denken. – Können auf einmal so fein mütterlich und frauenmäßig lächeln über alte, törichte Träume, die alle verfliegen über dem hohen Traum der Wahrheit, des Lebens – ihrem Kinde.“

Meine Güte! Mit dieser Einstellung also, die Ehe und Mutterschaft über alles andere erhob, hatte Mutti sie erzogen. Hannah schüttelte unwillig den Kopf. War es da ein Wunder, dass sie noch immer das Gefühl hatte, nicht wirklich erwachsen, stark, unerschütterlich und unabhängig zu sein, mit ihren neunundfünfzig Jahren ...?! Ob auch sie etwa noch immer „törichten Mädchenträumen“ erlegen war? Verdammt Zeit, ihnen auf den Zahn zu fühlen, oder ...?!

Für alle, die jetzt erst in Hannahs Geschichte einsteigen, die hier noch vor dem geplanten Erscheinen als E-Book auszugsweise veröffentlicht wird: Lest hier in aller Kürze, was bisher geschah.

Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

 

Mittwoch, 19. Mai 2021

Emotionen kreativ beschreiben - Pfänderspiele und der erste Kuss

Moin, meine lieben Schreiber- und Leserlinge!

Es gibt Momente in jedem Leben, die vermutlich bis zum Lebensende unvergesslich bleiben. Eines der wichtigsten dürfte der erste Kuss sein, selbst wenn man, wie Hannah, erst zehn Jahre alt ist:  

Für immer unvergesslich: das Herzklopfen beim ersten Kuss

Es waren nur noch ein paar Wochen bis zum Wechsel an die neue Schule, als Hannah von Wolfgang, dem Jungen mit den schmalen Augen, der sie immer so seltsam ansah, zum Geburtstag eingeladen wurde. Sie hatte ihren stillen Klassenkameraden, der stets eine Lederhose trug, die meiste Zeit über eher langweilig gefunden, doch seit er sich zu Karneval als Chinese verkleidet hatte mit einem glänzenden, gelben Cape und einem von seiner Mutter aus Pappe gebastelten Chinesenhut, an dem hinten ein Zopf aus schwarzer Wolle baumelte, gefiel er ihr irgendwie. Die Verkleidung hatte wirklich gut zu seinen schmalen Augen gepasst. Sie ließ ihn fremd und geheimnisvoll wirken, ganz anders als seinen Freund Rüdiger, der ja nun bald das Gymnasium würde besuchen dürfen. Der ging als Cowboy und gab stinkende Schüsse aus seiner albernen kleinen Pistole ab, worauf ein rosafarbenes Papierband mit abgebrannten Zündplättchen, das immer länger wurde, aus der Pistole herauskam. 

"Also, kommst du?", fragte Wolfgang.

"Ich frage meine Mutter, ob ich darf." 

Und Hannah durfte tatsächlich.


Wolfgangs Mutter öffnete die Tür, als Hannah zur vereinbarten Zeit klingelte, ein Päckchen in der Hand.
„Guten Tag. Du bist Hannah? Komm herein. Wolfgang wartet schon.“
Schüchtern trat sie ein. Der Kaffeetisch im Wohnzimmer war für drei gedeckt: Wolfgangs Mutter stellte schwungvoll eine Schale mit Sahne in die Mitte und setzte sich selbst vor einen der goldumrandeten, weißen Teller. Unbehaglich blickte Hannah ihren Klassenkameraden an. „Hast du sonst niemand eingeladen?“
„Nö.“
„Rüdiger auch nicht?“
„Nö.“
„Hast du wenigstens Geschwister?“
„Auch nicht.“
Wolfgangs Mutter schubste ein Stückchen Kirschkuchen auf Hannahs Teller, leckte ihre Fingerspitzen ab und trocknete sie an der Kittelschürze. „Magst du Kirschkuchen?“
Hannah nickte wortlos. Sie liebte Kuchen jeder Art und dennoch sehnte sie schon jetzt das Ende des Kaffeetrinkens herbei. Es war so peinlich, zu dritt dazusitzen, ohne andere Kinder. Wolfgangs Mutter sah lächelnd zwischen ihrem Sohn und ihr hin und her. Warum guckte die denn so komisch? Mehr als ein Stück Kuchen bekam Hannah nicht herunter. Endlich deckte Wolfgangs Mutter den Tisch ab und zog sich zurück. „Dann spielt mal schön. Wolfgang hat leider kein eigenes Zimmer, aber hier habt ihr ja genug Platz.“ 

„Was sollen wir denn spielen?“, fragte Hannah gedehnt.
„Weiß nicht. – Wir können ja was lesen.“
„Lesen?! Aber das ist doch blöd. Das können wir doch auch alleine.“
„Hm.“ Wolfgang bohrte nachdenklich in der Nase.
Meine Güte, was der langweilig! Wolfgang war ja tatsächlich noch ruhiger als sie und Langeweile konnte Hannah nun einmal gar nicht gut aushalten. Also beschloss sie, ihn aus der Reserve zu locken und wunderte sich über ihren Mut. „Sollen wir Bumskasten spielen?“, fragte sie. „Jeder braucht dann drei Pfänder.“
„Von mir aus.“
Wolfgang zog einen Pantoffel aus und holte sein Taschenmesser und ein klebriges Bonbon aus der Hosentasche. Hannah zückte ihr sauber zusammengefaltetes Stofftaschentuch sowie einen kleinen Stein aus ihrer Rocktasche und legte eine Haarklemme dazu.
„Wir brauchen noch ein Halstuch“, verlangte sie.
„Meine Mutter hat eins.“
„Dann hol es.“
Er gehorchte. Und plötzlich spürte Hannah eine ungeahnte Kraft. Unter vielen Kindern hatte sie Angst, doch zu zweit konnte sie sich offenbar durchsetzen. Das war eine neue und aufregende Erfahrung.
Sie band das Tuch straff um Wolfgangs Kopf und boxte in Richtung seiner Nase, wie sie es bei den anderen Kindern auf dem Schulhof gesehen hatte. Wolfgang zeigte keine Reaktion. Dann klopfte sie ihm, seinen Pantoffel in der Hand, dreimal auf den Rücken. „Bum, bum, bum, was soll der tun, dem dieses Pfand gehört?“ Ihr Herz klopfte laut.
„Der soll zehnmal springen, so hoch wie er kann“, sagte er, nahm das Tuch ab, sah seinen Pantoffel und begann wie wild zu hüpfen.
„Jetzt bist du dran.“ Wolfgang band ihr das Tuch um. Sie spürte seine unsicheren Finger in ihrem Nacken. Wie schön das kribbelte. Der Duft von 4711 Echt kölnisch Wasser, den das Tuch verströmte, ließ sie an Mutti denken, was sie kurz ernüchterte, doch schnell dachte sie wieder weg. Das Tuch rutschte. „Fester!“, sagte sie. Wolfgang zog. Es ziepte an den Haaren.
„Jetzt seh ich nichts mehr. Du kannst anfangen.“
„ ... was soll der tun, dem ...?“ Sie wählte eine schwierige Aufgabe, ohne zu bedenken, dass Wolfgang ihr Pfand in der Hand haben könnte, und robbte bald schwitzend unter allen vier Stühlen hindurch, was sie ungut an den Turnunterricht erinnerte.
„Bum, bum, bum ...“
Als sie dieses Mal an der Reihe war, zögerte sie nur kurz und dann, dann wagte sie es tatsächlich: „Der soll demjenigen, dem er in diesem Raum am allerliebsten hat, einen Kuss geben.“
Egal, wem das Pfand gehörte, der Kuss war ihr sicher. Sie riss sich das Tuch herunter. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Wolfgang auf das Taschenmesser in seiner Hand, lief puterrot an, wurde wieder blass und verengte seine ohnehin schmalen Augen zu Schlitzen. Dann gab er sich einen Ruck und ihr einen nassen Kuss, mitten auf den Mund.
Hannah wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Ein klein bisschen ekelig war das schon, aber sie war dennoch rasend stolz, von einem Jungen geküsst worden zu sein. 

"Pfänderspiele sind doof", sagte Wolfgang. "Ich könnte eine Märchenschallplatte auflegen." Er ging zum Musikschrank und begann zu kramen.
Schon um fünf gab es Abendbrot: Kartoffelsalat, belegte Brote und Senfgürkchen. Wieder saß Wolfgangs Mutter dabei. Hannah aß kaum etwas, sah vor sich hin und spürte noch immer Wolfgangs Lippen auf ihren Lippen.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie leise, kaum dass der letzte Bissen herunter war.
Wolfgangs Mutter sah auf die Uhr. „Keine Sorge. Wenn du jetzt gehst, schaffst es noch, bevor es dunkel wird.“
Hannah ging schnell. Den ganzen Heimweg über war sie hin- und hergerissen zwischen Stolz und Scham. Sie hätte vielleicht warten sollte, bis er sie fragte. Aber das hätte er wahrscheinlich nicht getan. Und sie wollte doch so gern ausprobieren, wie es sich anfühlen würde, endlich einen Kuss zu bekommen. So wie Mutti von Papa.

Hannah erzählte Mutti nichts von dem Kuss. Sie tauchte wieder ein in ihre brave Welt, in der sie noch immer nachmittags mit den Nachbarmädchen Philippchen tauschte, Verstecken spielte, Puppen an- und auszog und in Poesiealben schrieb. Wolfgang widmete sich wieder seinem Kumpel Rüdiger und wenn er Hannah während der nun folgenden letzten Schulwochen sah, guckte er schnell wieder weg. Sie hielt es ebenso. Sie blieb nur aus sicherer Entfernung ein bisschen verliebt in ihn. Und irgendwie genügte ihr das auch.

Und nun ihr: Kennt ihr aus eigenem Erleben Pfänderspiele? Wenn ja, schreibt darüber. Oder über euren ersten Kuss. Ich bin sicher, ihr habt ihn nicht vergessen. - Ach übrigens, habt ihr euch schon eine schöne Kladde zugelegt, in die ihr Notizen und Schreibübungen wie diese hineinschreibt? Oder arbeitet ihr lieber am PC? Das ist ein Unterschied. Probiert beides aus. Bei welcher Methode fühlt ihr euch kreativer? Auf welche Weise fließen die Worte besser? Wie lassen sich Emotionen für euch besser nachfühlen und beschreiben?


Bis bald sagt Eure

Sigrid Ruth

50er & 60er Jahre: Lebenserinnerungen , Rezepte und Eintragseiten für autobiografische Anfänger

 Moin, ihr Lieben! An dieser Stelle habe ich lange nicht von mir hören lassen. Das Leben tobte anderswo. Nun aber: Es gibt ein neues Hannah-...